Strecke machen und Kaffeetrinken

Wer träumt nicht davon, mit 10 Knoten über die Ostsee zu rauschen? Wenn dabei an Bord kaum Wind zu spüren ist, und das Boot ruhig und aufrecht in Richtung Tagesziel prescht, kann Segeln kaum schöner sein.  
Der Weg zu diesem Segelglück führt über ein großes, rundes, meist buntes Segel. Der Spinnaker ist das Segel an Bord, mit dem Sie die Segelleistung Ihres Bootes am stärksten steigern können. Der Spinnaker kann den Aktionsradius enorm erweitern, denn je nach Bootstyp wächst die Durchschnittsgeschwindigkeit um 2-5 Knoten. Damit sind auch mit kleinen Booten bequeme Tagesetmale von 50-100 Seemeilen möglich. Viele meiden den Spinnaker ? aus Respekt vor der Segelfläche und den Manövern ? nicht ganz zu Unrecht. So ein Spinacker kann schnell außer Kontrolle geraten, wenn man einige Grundregeln nicht beachtet. Doch mit wenigen Tricks wird das Segeln unter dem großen Ballon zur reinen Freude.  Fahrtensegler, vor allem mit kleiner Crew, sollten die Spinnaker-Manöver anders als Regattasegler segeln. Es geht nicht um ein möglichst schnelles Manöver, sondern um ein möglichst sicheres.

Der Windschatten ist der beste Helfer
Das Spi-Setzen und -Bergen wird nur schwierig, wenn Wind in den Spi fällt. Die Segelfläche des Spinnakers lässt sich leicht entschärfen, indem der Spi in den Windschatten des Großsegels bewegt wird. Das klappt nur auf Kursen von ca. 120-190 Grad Windeinfallswinkel, also bei raumen bis achterlichen Winden. Auf anderen Kursen gibt das Großsegel dem Spi keinen Windschatten, weil der Kegel der abgedeckten Zone nach achtern zeigt. Der Windschatten wird also durch Abfallen erzeugt.
Am sichersten setzen Sie den Spi aus dem Cockpit unter dem Großbaum hindurch. Damit gewährleisten Sie, dass die Spinnaker im Schatten des Großsegels den Weg nach oben findet. Das Sezten und Bergen vom Vorschiff kann Schwerstarbeit werden, denn der Steuermann muss genau platt vor dem Laken oder besser schon ?überplatt? segeln, um einen ähnlich großen Wíndschatten zu erzeugen. Das birgt mehr Möglichkeiten für Fehler, z.B. eine Patenthalse.
Daher brauchen Sie für die Zeit der Manöver immer Raum nach Lee. Planen Sie kleine Pannen ein, z.B. ein vertörntes Fall oder eine verklemmte Schot.

Spi setzen:
Nach dem der Spibaum angebaut ist, ziehen Sie Ihn mit dem Niederholer locker gegen das Vorstag und belegen den Niederholer sicher. Belegen Sie die Schot so kurz wie möglich. Dann holen sie den Achterholer schon etwas durch, so dass Sie später weniger zu ziehen haben. Idealerweise sollte der Hals des Spis schon in Höhe des Wants sein. Wenn Sie den Hals weiter vorholen, besteht die Gefahr, dass das Vorliek zu früh Wind bekommt. Durch die kurze Schot verhindern Sie ebenfalls, das der Spi aus der Windabdeckung des Großsegels gerät, und beugen dem Verdrehen des Spis, der ?Eieruhr? vor.
Wenn die Genua noch steht, haben Sie mehr Windabdeckung, damit haben Sie noch mehr Zeit und Ruhe für das Manöver, und können den Hals des Spis noch weiter nach vorne holen. Zudem verhindert eine gesetzte Genua zuverlässig, dass sich der Spi um das Vorstag wickeln kann.

Jetzt fällt der Steuermann auf etwa 120-170 Grad ab, also sehr raum. In dem entstehenden Windschatten vom Großsegel können Sie den Spi ganz in Ruhe hochholen. Das Spifall gehört immer um die Winsch gelegt, damit Sie den druck abfangen können, der entsteht, wenn der Spi doch Wind fangen sollte. Ist er oben, ziehen Sie den Hals über den Achterholer bis zum Spibaum, und fieren danach die Schot. Sind Sie zu dritt, oder haben Sie einen Autopilot, dann können Sie schon während des Setzens den Spihals bis zum Baum ziehen. Nun können Sie den Spibaum nach Luv ziehen, bis der Wind in den Spi einfällt und diesen zum Stehen bringt. Rollen Sie jetzt die Genua ein oder bergen Sie das Vorsegel.

Spi segeln.
Der Spinnaker sollte optimal angeströmt werden, und möglichst weit aus dem Windschatten des Großsegels kommen. Daher versucht der Regattasegler den Baum möglichst weit nach Luv zu ziehen, und die Vorderkante des Spinnakers immer ein wenig am ?klappen? zu halten. Dafür spielt man ständig mit der Leeschot, und korrigiert immer wieder den Winkel des Spibaums.
Die Höhe des Spibaums hängt von der Höhe des Schothorns ab, Hals und Schothorn sollten in etwa auf der gleichen Höhe sein.

Als Fahrtensegler können Sie das etwas entspannter angehen. Fieren die Schot so weit auf, bis die Kante klappt, nehmen die Schot wieder etwas dichter, so etwa 10 cm, und belegen diese. Dann kann der Steuermann bequem nach dem Spi steuern, d.h. er luvt etwas an, bis die Kante klappt, und fällt dann wieder etwas ab. Oder er steuert einfach geradeaus... und der Spi wird erst korrigiert, wenn der einzufallen droht.

Halten Sie den Spi unter Kontrolle: lassen Sie Ihn nicht zu weit vom Boot weg. Es geht Ihnen nicht um die beste Geschwindigkeit, sondern um sicheres Segeln. Kurz geschotet kann der Spinnaker das Boot weniger zum Gieren bringen, und wenn er einfällt, dann kann er sich schlechter verwickeln. Wenn das Unterliek des Spinnakers nur wenige Dezimeter von Vorstag entfernt ist, steht der Spi ruhiger.
Bei starken Böen wird das große Ballonsegel Ihr Boot stark krängen. Um das zu verhindern, müssen Sie einfach nur rechtzeitig abfallen, wenn die Böe eintrifft. Bei viel Wind beobachtet ein guter Steuermann immer die Wellen in Luv, dort, wo der Wind herkommt, um auf Böen entspannt reagieren zu können.
Auch jetzt gilt wieder: Raum nach Lee sorgt für entspanntes Segeln, weil Sie Platz zum Abfallen und Bergen haben.
Wenn das Boot doch aus dem Ruder läuft, fieren Sie immer nur die Schot, nicht den Achterholer. Lassen Sie die Schoten nie ausrauschen! Wenn der Spi wie eine Flagge ohne Schoten am Topp hängt, werden Sei es bei viel Wind schwer haben, das Segel wieder ins Boot zu bekommen. Auf die Spischoten gehören Achtknoten. Ist Ihr Fall lang genug, können Sie im Notfall dieses einfach loswerfen. Dann weht der Spinnaker durch die Schoten kontrolliert flach über das Wasser, und Sie können ihn problemlos bergen.

Spinnakersegeln ist nicht schwer - wenn man einige Regeln beachtet.
- Immer genug Raum in Lee haben
- bei wenig Wind üben
- Barberholer in der Halse immer dicht nehmen
- alle Scharfen Kanten abtapen
- Für Ihre Sicherheit: Achtknoten auf die Spischoten in Verbindung mit einem überlangen Spifall

Entspanntes Halsen zu zweit
Auch hier gilt: Die wichtigste Zutat für entspannte Spinnakermanöver ist immer PLATZ nach Lee. Da Lee und Luv in der Halse wechselt, brauchen Sie einfach viel Raum.
Die Halse leitet man durch Abfallen ein. Dabei sollten Sie klar kommunizieren, was Sie tun, z.B. indem sie rufen: ?Ich falle ab?. BEIDE Barberholer müssen jetzt dicht genommen werden. Alternativ kann man beide Achterholer (bei doppelten Spischoten) dichtnehmen. Damit verhindert man, dass der Spi eventuelles Geigen verstärkt.
Abfallen bis auf platt vor dem Laken und etwas weiter, der Spi muss dabei so weit wie möglich achtergeholt werden.
Großsegel so weit wie möglich auffieren, und weiter abfallen. Der Steuermann beobachtet dabei die Windbändsel im Achterliek des Großsegels: Wenn das Unterste anfängt, innen nach vorne zu wehen, ist die richtige Position erreicht. Jetzt auf keinen Fall weiter abfallen, sonst gibt es eine Patenthalse. Achterlieksbändsel und Wellen im Auge behalten. Der Steuermann hat den bequemen Job, er richtet sich nach der Geschwindigkeit der Mannschaft, nicht umgekehrt! Das ist vor allem bei viel Wind ein durchaus motivierendes Vorgehen.

Der Spibaum steht ca. 80 Grad zum Schiff, aus der Sicht des Steuermann fast rechtwinklig zum Boot. Wenn die Luvkante des Spis etwas einfällt, je nach Bootsgröße 10-50cm die Leeschot dichter nehmen. Den Spi bei viel Wind lieber etwas dichter fahren.
In dieser Position können dann die Spischoten sogar BELEGT werden! Der Steuermann sollte jetzt alleine das Boot steuern können, und gibt rechtzeitig vor dem Moment der höchsten Geschwindigkeit (z.B. im Surf die Welle hinunter) das Signal zum Baum aushaken. Der Baum sollte nun so bald wie möglich auf der anderen Seite wieder angebracht werden. Besonders einfach wird es, wenn man das schafft, bevor das Großsegel schiftet.

Achtung! Auf keinen Fall das Manöver einleiten, wenn der Spi nicht steht.
Bei viel Wind sollte man sich eine besonders hohe Welle aussuchen, da geht´s am schnellsten runter, und dann ist kaum Druck im Schiff. Wenn das Boot so richtig in Fahrt ist, sollte der Steuermann zur Sicherheit der Crew am Spibaum das Signal zum auspieken geben. Meist merkt des die Frau oder der Mann auf dem Vorschiff es selbst, weil im richtigen Moment wenig Druck auf der Schot und damit auf dem Baum ist.
Der Steuermann gibt nach dem Umschlagen des Großsegelns nach Bedarf kurz Stützruder. Wenn es der richtige Moment zur Halse war, ist selbst das kaum notwendig.
Auf dem neuen Bug sind die Schoten nun bereits richtig eingestellt, ohne das jemand die Schoten angefasst hat. Wenn nicht, dann hat der Steuermann einen Fehler gemacht, ist z.B. zu weit angeluvt.
Am besten macht man sich auf beiden Schoten eine Markierung, das schont die Nerven und vermeidet unnötige Diskussionen.
Solange der Steuermann sauber steuert, kann man nach dem Schiften ganz in Ruhe den Spibaum anbauen. Wenn jemand frei ist, sollte der Vorschiffsmann in seiner Arbeit durch Fieren oder Dichtholen der Schoten, vor allem durch eventuelles kurzes Fieren der Luvschot beim Baumeinhaken unterstützt werden. Ist aber eigentlich nur notwendig, wenn der Steuermann einen Fehler macht, also sauber steuern üben...
Als allerletztes öffnet man den Barberholer im neuen Lee und luvt an. Die Geschwindigkeit dabei richtet sich wieder nach der Mannschaft, und nicht nach dem Steuermann!
Es hängt viel vom Gefühl des Steuermanns für das Boot ab. Darum empfiehlt es sich, zu üben: Einfach platt vor dem Laken mit belegten Schoten dem Spi hinterher fahren. Macht nach kurzer Zeit macht das dann auch richtig Spaß.
Das Entscheidende beim Halsen ist: Keine Angst vor Speed!
Im Moment der höchsten Geschwindigkeit kann man bequem das Großsegel schiften, da kaum Druck im Segel ist. 

Wenn viel Druck im Groß ist, hat das meistens folgende Gründe:
 
1. Falscher Moment, der Bug bohrt schon in der nächsten Welle, das Boot ist zu langsam, also warten.
 
2. Zu wenig abgefallen, aus Angst vor einer Patenthalse - also Bändsel im Groß beachten! 

3. Spi eingefallen - leicht anluven, und die Mannschaft alles klarieren lassen. AUF KEINEN FALL JETZT HALSEN! Wenn mit Macht das Großsegel geschiftet wird, kommt nach dem Überschlagen des Großbaums sehr viel Druck auf´s Ruder. Das liegt daran, dass das Großsegel hinten plötzlich für Vortrieb sorgt und das Boot beschleunigt. Dadurch wird es luvgierig und will auf dem neuen Bug in den Wind schießen. 

Wenn dagegen der Spi hauptsächlich das Boot zieht, wenn man dann bei Welle sauber ins Tal fährt, kann der Steuermann sogar bei 12m Booten das Groß selbst aus der Hand schiften, ohne Druck.

Spi bergen
Beim Bergen gilt mehr denn je: Raum nach Lee schaffen. Je länger Sie durch das Großsegel einen Windschatten zum Bergen aufrecht halten können, desto entspannter wird das Manöver.
Sie fallen ab, auf etwa 120-170 Grad Windeinfallswinkel. Setzen Sie erst die Genua! Nun fieren Sie den Achterholer und lassen den Baum an Vorstag klappen. Der Spi fällt im Windschatten ein, und Sie können die Leeschot über den Barberholer zu sich ziehen. Nun fieren Sie etwas das Fall, 1-2m, so dass Sie nach lösen des Achterholers das Unterliek zusammenraffen können. Wenn Sie jetzt das Fall dosiert fieren, können Sie das Segel bequem unter dem Großbaum ins Cockpit ziehen.
Falls Sie keinen Raum zum Abfallen haben, dann lösen Sie erst das Fall und ziehen den Spinnaker für die Lieken ins Cockpit. Damit verhindern Sie, dass der Spi im Ganzen ins Wasser fällt.

Text: Hans Genthe, erschienen im Magazin Segeln