Schnell ist sicher.

20-24 Knoten Wind. Immer wieder klatschen Schaumköpfe gegen unser Vorschiff, Wasser fliegt großen Mengen nach achtern. Es segelt sich schnell mit wenig Freibord, aber leider nass. Sehr nass. Nur direkt unter dem Sprayhood gibt es etwas Schutz. Gelegentlich stelle ich die Pinne fest, verkrieche mich unter dem blauen Stilbruch, und trinke dankbar etwas warme Suppe. Das Boot steuert perfekt allein, ohne Autopilot. 0,5 Knoten langsamer, aber das ist mir die innere Wärme wert. 
(Dieser Bericht baut auf dem Leichtwind/Mittelwind-Berichten auf. Mit Starkwind meine ich Windstärken von 5-7 Beaufort.)

Wir sind von Anholt unterwegs zum Kungsbacka-Fjord, Westschweden. Die ersten richtigen Schärenliegeplätze der Westküste locken. Aber heute ist mehr Wind als angesagt, die Wolken sehen nicht gut aus. Wir kommen gut voran, aber so richtig macht das keinen Spaß. ?Papa, wann sind wir da?? Erik kommt in voller Montur aus der Kajüte, sieht etwas grün aus.

Das gibt den Ausschlag, wir segeln etwas tiefer, Kurs Varberg. Das Boot richtet sich auf, beschleunigt. Wir reffen aus. 8-9 Knoten klingt besser 6,5. ?Eine Stunde, dann sind wir da.? Die Erleichterung bringt etwas Farbe ins Gesicht des 8-jährigen.

Schnelles Segeln bedeutet Komfort und Sicherheit. Vor allem mit einem relativ kleinen Boot. Dankbar schaue ich in die Segel. Die sind alt, habe schon einiges erlebt, aber funktionieren noch gut. Das Großsegel ist im Top perfekt flach und öffnet sich in den Böen kontrolliert, eine Korrektur über die Großschot ist nicht notwendig. Das Achterliek der Dacron-Fock hat zwar eine leichte S-Kurve, ist etwas ausgeweht, aber im Anschnitt schön flach. Man braucht keine High-Tech-Segel, um schnell Touren zu segeln.

Gute Segel bedeuten Sicherheit
Die Segel sind der zuverlässigste Antrieb an Bord, wenn richtig gewartet und einstellbar.
Einfach trimmbare Segel und das Wissen um die Eigenschaften und Geschwindigkeiten des Bootes sind ein großer Sicherheitsfaktor. Die Möglichkeit, sich freikreuzen zu können, gibt ein gutes Gefühl in einer Legerwallsitation, auch wenn heute die Motoren zuverlässiger als vor 30 Jahren sind.
Noch ein Kind, stand ich mit meinen Eltern einer Anhöhe bei Newhaven, England. Wir mussten uns gegen den Wind stemmten, während wir beobachteten, wie ein Segler die Segel wegnahm und unter Motor einlief. Auf der Barre in der Flußmündung stand eine üble See. Die Yacht war mächtig am gieren, und plötzlich lief sie aus dem Ruder, und trieb quer auf die Mole zu. Die zwei an Bord machten sich an Ihren sorgfältig verzurrten Segeln zu schaffen. Wir rannten wie besessen zur nächsten Telefonzelle, um den Seenotkreuzer zu benachrichtigen. Der kam zu spät. 2 Stunden später war von dem Boot auf der Mole kaum ein Stück übrig. 
Das hat geprägt. Vielleicht ist es eine Manie: Unsere Segel bleiben immer angeschlagen und klar zum setzen. Bis wir festliegen. Auch vor Anker oder in den Schären bleiben die Fallen angeschlagen. Mir beschert es ein gutes Gefühl, wenn ich weiss, dass ich unser Boot in einer Legerwall-Situation freisegeln kann.

Alles bremst ? nur die Segel bringen Sie voran
Die Windreibung wächst im Quadrat zur Windgeschwindigkeit. An der Kreuz haben Sie mehr Wind- als Wasserwiderstand. Alles, was im Wind steht, bremst. Binden Sie Segel flach auf das Deck. Sind Windgenerator, Solarpaneel und Antennenwald sinnvoll angebracht oder überhaupt notwendig? Verbannen Sie alles, was Sie nicht für Ihre Sicherheit brauchen, unter Deck: Fender, Festmacher, Leichtwindsegel. Überlegen Sie, wie Sie Ihr Beiboot möglichst windschlüpfrig transportieren.

Ihr wichtigster Motor braucht Wartung.
Segel und Rigg bekommen bei mir mehr Wartung als der Motor: Nach jedem Starkwindsegeltag gibt es eine Kontrolle für das laufende Gut und mehrmals im Jahr für das stehende Gut. Nicht vergessen: Schäkel auf Haarrisse untersuchen. Fallen und Schoten kontrollieren wir ständig auf Schamfielen. Und die Segel auf Scheuerstellen. Vor allem im hochbelasteten Achterliek sollten keine Beschädigungen sein. 

Reffen kann man nicht im Hafen üben.
Die Segel müssen mühelos reffbar sein. Das was im Hafen nicht leicht geht, geht bei Starkwind oder Sturm gar nicht mehr. Komplizierte Konstruktionen müssen sorgfältig gewartet werden. Das Leinenreff ? mit immer angeschlagenen Reffleinen ? ist ein zuverlässiges System. Wenn eine Vorsegel-Rollanlage zum Reffen verwendet wird, muss die dafür ausgelegt und das Vorsegel muss entsprechend geschnitten sein. Wenn Sie eine normale, volle Genua 1 zum Reffen einrollen, werden Sie an der Kreuz keine Höhe segeln können, weil der Anschnittswinkel des Vorlieks zu voll wird, denn in der Mitte des Segels haben Sie durch das Profil mehr Tuch. 

Auf die Rolleinen kommt an der Kreuz viel Druck ? entsprechend dem Schotzug. So manche Leine und Klemme der Serienausrüstung haben bei Starkwind schnell Ihren Geist aufgegeben. Kontrollieren Sie die Ansatzpunkte der hinteren Reffleinen im Großsegel. Im Zweifel ist es besser, Sie haben ein zu flaches Unterliek nach dem Einreffen, als ein zu volles. Die Ansatzpunkte müssen weit genug hinten sein. 
Ein Anhaltswert: Der Zugwinkel der hinteren Reffleine sollte bei durch durchgesetztem, eingerefften Unterliek nicht steiler sein als 30 Grad. 

Wir bevorzugen zum Tourensegeln keine Rollgenua, sondern eine Genua und eine schmale Kreuzfock, fertig angeschlagen an 2 Vorstagen. Das Vorstag der Genua hat weniger Vorspannung als das der Fock. Zum Tourensegeln ideal. Ein Segelwechsel ist in wenigen Minuten möglich, das Vorsegel beim Wechsel kann nicht wegwehen. Unter der schweren Kreuzfock kann man auch bei mehr als 30 Knoten Wind gut kreuzen, weil diese sich perfekt flach trimmen lässt.

Die meisten Boote segeln bei viel Wind (7 Beaufort+) unter einer flachen Kreuzfock ganz ausgeglichen. Wichtig ist viel Vorstagsspannung, damit das Segel nicht zu rund im Anschnitt wird. Die größte Profiltiefe sollte nicht im ersten Drittel liegen. Üben Sie das Wenden nur mit der Fock! Nach der Wende müssen Sie weit abfallen, die Fock lösen um Geschwindigkeit aufzunehmen. Erst mit zunehmender Speed sollten Sie anluven und das Segel  wieder dichtnehmen. Versuchen Sie nicht (wie der Autor vergeblich) in einem engen Fahrwasser oder sogar im Hafen mit der Fock zu kreuzen. Sie brauchen Platz.  Doch der große Vorteil ist, dass Sie bei großen Wellen gut abfallen können.

Lernen Sie Ihr Boot kennen
Sehr hilfreich für die Planung der Route bei viel Wind sind Notizen über die erzielbaren Geschwindigkeiten bei verschiedenen Windeinfallswinkeln und Wellenhöhen. Wenn das Wetter sich anders entwickelt als vorhergesagt, ist es notwendig, zu wissen, wie man am schnellsten in den nächsten Schutz kommt. Auch ohne Motor. Vor allem raumschots werden Sie mit Segeln erheblich schneller sein.
Ideal ist es, wenn Sie ein Polardiagramm anlegen, wie auf Regattabooten heute üblich. 
Es ist nicht sinnvoll, auf ein vorhandenes Diagramm zu vertrauen. Je nach Schnitt und Alter der Segel, dem individuellen Steuerstil und der Erfahrung werden Sie erhebliche Abweichungen haben. Wir sind eben keine Computer. Auch die Wellenhöhen haben vor allem an der Kreuz einen großen Einfluss. Einige Boote, wie zum Beispiel eine BB10, haben extreme Geschwindigkeitsunterschiede an der Kreuz bei unterschiedlichen Wellenhöhen. Eine kurze, kabbelige Welle bremst schon mal bis zu 1,5 Knoten ab. Dabei erhöht sich gleichzeitig die Abdrift. So kann ein Schlag unter Land schnell eine Stunde Zeitersparnis bringen, und auch einen Umweg sinnvoll werden.

Erst Trimmen, dann reffen!
Reffen nützt wenig, wenn das Segel danach nicht flach getrimmt werden kann. Zu volle Segel verhindern, dass Sie an der Kreuz gute Höhe am Wind segeln können. Sie verlieren viel Zeit, weil Sie mehr Weg segeln.
Trimmen Sie erst Ihre Segel flacher und im Achterliek offener. Reffen müssen Sie erst, wenn die Segel so flach wie Bretter sind, und die Krängung dann immer noch zu hoch ist. Sie sollten nicht über Ihren ?Max-Krängungspunkt? kommen. (siehe Bericht Mittelwind).

Zum schnellen Segeln bei Starkwind brauchen Sie gut funktionierende Trimmeinrichtungen. Nicht funktionierende Trimmeinrichtungen sind gefährlich, da Sie mit zu vollen Segeln keine ausreichende Höhe fahren können. Mit einem gut getrimmten Schiff kommen Sie schneller in den Hafen, und können sich bei Legerwall problemlos freikreuzen. Das wichtigste Instrument ist das Achterstag. Mit keiner anderen Möglichkeit bekommen Sie Ihre Segel schnell da flach, wo es am wichtigsten ist: Oben. 
Holen Sie den Traveller nach Luv, und lösen etwas die Großschot. Das Segel twisted oben. Damit werden Sie etwas Druck los. Doch bald bildet sich ein Gegenbauch, weil das Profil zu tief ist. Das bremst. Sie verlieren Höhe und haben mehr Abdrift. Daher dürfen Sie das Segel nicht zu weit twisten lassen, sondern müssen das Profil flacher machen.

Durch das Durchsetzen des Falls und des Cunninghams wird das Profil etwas flacher, aber es verlagert sich auch nach vorne. Erst durch die Mastbiegung und weniger Vorstagsdurchhang ziehen Sie Tuch im vorderen Bereich nach vorne. Das Segel wird flacher im Anschnitt. Im unteren Bereich können Sie die Segel perfekt durch den Unterliekstrecker im Großsegel und die Verstellung des Vorsegelholepunktes in Kombination mit der Schot kontrollieren.

Wichtig ist, dass Sie beide Segel gleichmäßig flacher trimmen. Mit einer vollen Fock und einem flachen Großsegel wird Ihr Boot leegierig. Bei viel Krängung vermindert das zwar den Ruderdruck, aber Sie vergrößern die Abdrift. Ziel des Trimmens ist es, dass das Boot ausgewogen auf dem Ruder liegt, nur ganz leicht Luvgierig ist. Ruderlegen bremst immer.

Twist and go!
Bei Welle brauchen Sie Druck, bzw. Vortrieb, damit das Boot in den Wellen nicht so sehr abgebremst wird. Dafür segeln Sie an der Kreuz bewusst etwas weniger Höhe und stellen die Segel etwas vollere Profile ein, vor allem im unteren Bereich. Durch die starken Bewegungen des Mastes verändert sich der Einfallswinkel des Windes oben im Mast ständig. Damit dort die Strömung nicht abreißt, öffnen Sie die Segel oben, lassen die Segel mehr twisten.
Bei flachen Wasser ohne große Wellen braucht man weniger Druck, bzw. Vortrieb, um durch die Wellen zu kommen. Jetzt können Sie die Segel flacher machen und dichter Schoten, mit weniger Twist im Segel, und dadurch mehr Höhe segeln.

Alles Einstellungssache: Aus Angst kann Respekt werden
Nutzen Sie die Tage mit viel Wind, Sonnenschein und sicherer Wetterlage, um sich und Ihr Boot kennen zu lernen. Dieses ?Training? bringt Ihnen Sicherheit. Wenn Sie die Grenzen Ihres Bootes ausloten, haben Sie mehr Reserve bei einer überraschenden Wetteränderung. Wenn Sie viel segeln, erleben Sie diese irgendwann bestimmt. Ich höre dabei immer wieder das Argument: ?Ich will mein Material schonen, keinen Bruch riskieren?. Wenn Sie nicht sicher sind, das alles hält, sollten umso mehr Ihr Material belasten. Unter kontrollierten Bedingungen natürlich ? vielleicht in Begleitung eines zweiten Bootes. Besser, es geht dann kaputt, als nachts, bei schlechter Sicht oder in einem Sommergewitter. 
Ein Aspekt wird oft unterschätzt: Wenn Sie Kinder haben, können Sie durch Ruhe und Souveränität deren Spaß am Segeln erhöhen. Vor allem Ihre eigenen Kinder spüren schnell, wenn Sie unsicher sind, und das kann früh die Freude an den gemeinsamen Ferien verleiden. 

Text: Hans Genthe, erschienen im Magazin Segeln 4/2009