Gennaker - trendy, tricky oder troubleshooter?

Martialisch ragt der Gennakerbaum über den Bug hinaus und rast unter einer riesigen Segel-Blase dicht hinter unserem Heck vorbei. Unwillkürlich ziehe ich den Kopf ein. Wir segeln unter Spi die Regatta Fyn Cup. Hektisch halst die J 133 und flitzt wieder hinter unserem Heck vorbei. Die machen mächtig Speed. Und jede Menge Halsen.

Warum werden heute so viele Boote mit Gennaker und Gennakerbaum gebaut? Ist ein Gennaker schneller als ein Spi? Oder lässt er sich einfacher handhaben? Ein paar Jahre später und nach einigen Regatten auf einem Gennakerboot weiß ich mehr.

VMG heißt das Zauberwort: Velocity made good. Die effektive Geschwindigkeit zum Ziel ist bei leichten, schnellen Booten unter Gennaker größer, wenn sie höher am Wind fahren als unter Spinnaker. Das Anluven führt zu einem solchen Geschwindigkeitszuwachs, dass der scheinbare Wind spitzer einfällt, und man mit diesem scheinbar stärkeren und spitzeren Wind wieder abfallen kann. Wenn dann die Geschwindigkeit wieder abnimmt, muss man wieder anluven. In den Genuss dieses Geschwindigkeitsrausches kommen aber nur diejenigen Crews, bei denen Gennaker-Trimmer und Steuermann perfekt zusammenarbeiten und sehr konzentriert segeln. Die segeln dann sogar schneller als der Wind.

Bei schweren, langsameren Yachten, also den meisten Fahrtenyachten, funktioniert das nicht. Bei tieferen Kursen als 140° zählt dann nur Fläche. Nach meinem Eindruck lohnt sich ein Gennaker nur, wenn das Schiff damit mindestens Windgeschwindigkeit segeln kann. Der Einsatzbereich bei leichtem bis mittlerem Wind liegt dann bei 90°-140°, wobei der scheinbare Wind bei 45°-80° einfällt. Dann braucht man den Bugsprit nicht nur, um den Gennaker aus dem Windschatten des Großsegels zu halten, sonder auch, um enge Schotwinkel realisieren zu können. 

Allerdings lassen mich die Ergebnisse des Baltic Sprint Cups 2008 etwas zweifeln: Von den 3 fast baugleichen Rogers 46, die die ersten 3 Plätze belegt hatten, hat die mit Spinnaker ausgerüstete "Danebury" souverän vor den Schwesterschiffen mit Gennaker gewonnen, gesegelt als auch berechnet.

Ein unbestrittener Vorteil des Gennakers ist die einfache Handhabung. Ein Spi braucht mehr Ausrüstung: Spibaum, Toppnant, Niederholer, Barberholer, ... Der Segeldruckpunkt ist im Vergleich zum Spi niedriger und weiter vorn, Bei starkem Wind segelt das Boot segelt ruhiger und liegt besser auf dem Ruder. Auch die Halse ist mit dem Gennaker einfacher zu fahren, denn es muss niemand mit dem Spibaum vor dem Mast herumtanzen. Für Regattasegler, die Yachten mit ausfahrbarem Bugspriet und Bergeleine in der Tasche am Hals (Neudeutsch "Tack") zu eigen nennen, relativiert sich der Aufwand allerdings wieder: Vor dem Bergen balanciert der Vorschiffsmann auf dem Baum zum Hals, um die Bergeleine aus der Tasche zu holen.

Mein Fazit: Wer mit wenig Aufwand und viel Sicherheit raumschots schneller werden möchte, für den ist ein Gennaker eine tolle Lösung. Wer das letzte Quentchen Speed aus seinem Boot herausholen will, sollte sich von einem erfahrenen Segelmacher beraten lassen. Will man mit einem schweren Boot schnell segeln, ist der Spi sicher meist die bessere Wahl.

Setzen
Der Gennaker sollte am Hals mit einer Leine befestigt werden, die über einen Block am Bug oder Gennakerbaum nach achtern umgelenkt wird. Beim Bergen halbwinds kann so der Hals gefiert werden, um das Tuch in Lee des Großsegels einzuholen zu können. Die Schot sollte außen um das Vorstag geführt werden, so dass der Gennaker in der Halse wie ein Flagge auswehen kann.

Den Gennaker kann man aus dem Sack, Vorluk, oder aus dem Niedergang heraus setzen und bergen. Beim Setzen aus dem Niedergang können die Schoten angeschlagen bleiben. Als erstes sollten Sie natürlich den Gennakerbaum ausfahren (sofern vorhanden). Dann den Segelhals ganz nach vorne ziehen. Hier ist es bei größeren Schiffen über 12 Meter eventuell von Vorteil, das Segel mit Wollfäden gegen verfrühtes Aufblähen zu sichern. Zum Setzen des Gennakers sollten Sie abfallen, um das leichte Segel in der Abdeckung von Fock und Groß hoch zu ziehen. Am besten zieht man den Gennaker zwischen Unterwanten und Mast unter der Genua hindurch. Achten Sie darauf, dass sich das Gennakerfall vor den Salingen befindet. Rollen Sie die Fock ein, oder bergen Sie diese nun. Wenn nun der Steuermann anluvt, bekommt das Segel Wind, die Wollfäden zerreißen und das Segel steht. 

Tapen Sie alle scharfen Kanten oder Splinte an Deck und im Rigg ab. Die Großschot sollte nicht zu weit gefiert sein, damit der Gennaker nicht zwischen Großsegel und Wanten oder Salinge verklemmen kann.

Ein Bergeschlauch in Kombination mit dem Gennaker ist die ideale Lösung für eine kleine Crew. Der Gennaker wird als "Wurst" gesetzt, und bietet beim Hissen wenig Windangriffsfläche. Vor allem kann das Segel keine "Eieruhr" bilden.

Segeln
Das Segeln mit dem Gennaker ist einfach ? wenn man nicht platt segeln muss, oder vor dem Wind kreuzen muss. Zum Einstellen fiert man die Schot so weit, dass der Gennaker am Vorliek einzufallen beginnt, und nimmt dann wieder dicht. Das wiederholt man regelmäßig, um das Segel so optimal angeströmt zu halten. 
Platt vor dem Wind kommt man nur schnell voran, wenn man bei leichten Booten aufmerksam die oben bereits beschriebene Schlangenlinie fährt, und tiefer als 140-150 Grad zu kreuzen beginnt. Will man mit schweren Booten möglichst tief fahren, hilft das Fieren der Halsleine und eventuell sogar des Falls, am besten kombiniert mit Luvtrimm und maximal gefierter Schot. So kippt das Segel nach Luv aus dem Windschatten des Großsegels. Durch das Fieren wird der Gennaker allerdings auch instabiler, wenn er einfällt hilft nur Anluven.

Halsen
In der Halse muss der Gennaker möglichst schnell außen um das Vorstag herum gezogen werden. Bereiten Sie die Schot so vor, dass diese frei auslaufen kann. Bei kleiner Crew und kleinen Booten sollte der Steuermann die Schot fieren, da er das Boot durch den Wind dreht und die Geschwindigkeit am besten einschätzen kann. Wenn das Schothorn in der Nähe des Vorstags ist, muss die neue Schot möglichst schnell dichtgenommen werden. Wenn das Großsegel in der Halse kurz mittig gehalten wird, füllt sich der Gennaker schneller. Der Steuermann luvt mit der Geschwindigkeit des Dichtnehmens auf den neuen Kurs und der Trimmer stellt die Schot ein. 

Bergen
Die ganz sichere Methode: Sie fallen so weit ab, so dass der Gennaker in den Windschatten des Großegels kommt. Übertrimmen Sie die Schot so, dass das Unterliek dicht gestreckt ist. Jetzt fieren Sie das Fall kontrolliert und beginnen das Segel am Achterliek einzusammeln und in den Niedergang zu stopfen. Falls Sie schlecht an das Achterliek kommen, müssen Sie das Fall vorher fieren und den Gennaker an der unbenutzten Schot heranholen. Machen Sie sich eine Marke auf das Fall. Fieren Sie das Fall immer in der Geschwindigkeit, in der die Crew den Gennaker einsammeln kann. Erst wenn das Segel fast ganz eingesammelt ist, werfen Sie die Halsleine los. Ziehen Sie den Gennakerbaum ein. 
Die schnellere Methode: Sie entrollen die Fock und fallen ab, um Druck aus dem Gennaker zu nehmen. Über die unbenutzte Schot holen Sie sich den Gennaker heran. Nun lösen Sie die Halsleine, und sammeln das Unterliek ein. Achtung! Das Unterliek darf auf keinen Fall ins Wasser kommen. Wenn Sie das ganze Unterliek sicher im Griff haben, können Sie das Fall fieren und den Gennaker in den Niedergang stopfen.
Mexikanisches Bergen oder das Bergen in Luv sollte ausreichend großen und eingespieltem Regattacrews vorbehalten bleiben. 

Packen
Wenn Sie auf großen Schiffen den Gennaker aus einem Sack setzen, sollten Sie den Gennaker sorgfältig vorbereiten. Gehen Sie dafür die Lieken ab und versichern Sie sich so, dass das Segel nicht verdreht ist. Falls vorhanden, befestigen Sie die Bergeleine an den Klettverschlüssen. Auf das Segel gemalte Pfeile helfen bei der Orientierung. Packen Sie den Rest der Bergeleine in die Tasche am Hals, und lass Sie das Ende 10 cm herausschauen. Nun beginnen Sie vom Hals aus den Gennaker mit Wollfäden zusammenzubinden. Rollen sie das Tuch nach innen ein und binden Sie Fäden um die "Wurst". Ca. 30% der Unterliekslänge reichen in der Regel aus. "Verwursten" Sie auch vom Kopf nach unten ca. 30% der Lieklänge. Nun legen Sie das Schothorn neben den Sack, und stopfen den Gennaker am Achterliek entlang hinein, bis nur noch der Kopf herausschaut. Jetzt kommt die übrige ?Wurst? bis zum Hals spiralförmig oben in den Sack. Die Gennaker-Ecken werden mit Leinen oder Klett gesichert. Nun können Sie problemlos Schoten, Fall und Halsleine anschlagen und vor dem Setzten den Hals bis zum Bugspriet-Ende vorziehen.

Text: Hans Genthe für Segeln