Segeln mit Kindern

?Wann sind wir auf Anholt? Können wir nicht die Nacht durchsegeln?? Dagmar und ich schauen uns mit großen Augen an. Noch 2 Stunden bis zur Dämmerung. Tunø ist groß geworden am Horizont, eine Stunde aber wird es schon noch dauern. Wir haben Hunger. 6 Stunden segeln bei 4-6 Beaufort, das schlaucht. Das Ölzeug ist salzig und wird langsam klamm in der Abendluft. Nein! Die Eltern sind sich einig und wollen in den Hafen. Anholt ist keine Alternative. "Ich könnte doch etwas steuern, und Ihr schlaft." Erik, zehn Jahre jung, lässt nicht locker. Keine Zeichen von Ermüdung.

Ja, unser Sohn segelt gerne. Selten hören wir "Wann sind wir endlich da?" oder "Mir ist soo langweilihiiiiig." Woher kommt das? Warum klagen so viele anderen Eltern? "Wir können maximal 3 Stunden segeln, dann gibt es einen Aufstand." Das hören wir in fast jedem Hafen. Dabei haben die Boote der anderen Eltern meist mehr als doppelt so viel Platz an Bord.

Über Neuronen und Synapsen
11 Jahre, nachdem Erik auf die Welt gekommen ist, mache ich mich auf die Ursachensuche. Sind das die Erbanlagen, die unseren Sohn so seefest machen? Dabei ist seefest nicht das richtige Wort, er wird ja schnell seekrank. So wie ich.

Im Internet stoße ich auf Hinweise. Über die LMU München komme ich zur Uni Giessen, Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Schuld scheinen die Synapsen zwischen den neuronalen Zellen zu sein. Neuste Erkenntnisse in der Hirnforschung beweisen, Kinder müssen gefordert werden.

Neuronen sind Nervenzellen, im Kopf stellen rund 1 Billion (1.000.000.000.000) das Gehirn. Die Neuronen kommunizieren über Synapsen, die Kontaktstellen zwischen den Neuronen. Bei der Geburt besitzt ein Baby rund 120 Milliarden Neuronen. Doch lediglich die Grund-Funktionen für z.B.: Atmung, Verdauung und Stoffwechsel sind vollkommen ausgebildet. Ein Baby ist ständig den Einflüssen des Umfeldes ausgesetzt. Die Sinnesorgane empfangen fortwährend Impulse, die die Nervenleitungen weitergeben. Dadurch bilden sich Synapsen aus, die die Gehirnzellen verbinden. Das Baby lernt. Und das Gehirn wird so, wie man es benutzt.

Bis zum sechsten Lebensjahr sind ist die Zahl der Nervenzellenkontake so groß wie nie zuvor im Leben. In dieser Zeit sollten Kinder möglichst viele unterschiedliche Erfahrungen machen. Alles, was mit Begeisterung gemacht wird, wird intensiv im Hirn verankert. Eltern müssen daher Kindern Erfahrungsräume bieten, in denen sie sich selbst bilden und selbst erfahren können. Damit Kinder Ihre Potenziale entfalten können, brauchen sie Geborgenheit und Vertrauen, Aufgaben, denen Sie gewachsen sind und Vorbilder, an denen sie sich orientieren können.

Was bedeutet die Erkenntnisse für das Segeln mit Kindern?
Je früher Kinder an Bord kommen, desto selbstverständlicher wird für sie in Zukunft das Leben an Bord. In den ersten Jahren nehmen sie die Umgebung spielerisch und unvoreingenommen war. Kinder möchten Ihre Eltern nachahmen. Dadurch lernen sie von Ihnen. Eltern und alle Bezugspersonen sind Vorbilder, die in den ersten Jahren nicht hinterfragt werden. Kinder bekommen nur Angst, wenn die Eltern Angst haben. Kinder möchten lernen, daher kann es Ihnen an Bord schnell langweilig werden, wenn sie zu sehr eingeschränkt werden.

An Bord entsteht ein Mikrokosmos, eine kleine überschaubare Welt. Wenn man sich selbstverständlich in einer Umgebung bewegt, dann nehmen Kinder das genauso selbstverständlich auf. Die Verhaltensmuster gehen automatisch ins Blut über. Kinder möchten bei Ihren Eltern sein, brauchen Geborgenheit und Liebe. Auf einen kleinen Boot gibt es automatisch viel Nähe. Das genießen Kinder. Natürlich hat man wenig Ruhe vor Ihnen. Das sollte aber als Chance wahrgenommen werden. Eltern, die die Segelzeit nutzen, um Ruhe für sich zu haben, die werden sicher keine Kinder haben, die gerne viel segeln möchten. 

Kinder sind sehr lernbegierdig und möchten Ihre Welt erkunden. Wenn Kinder in das Leben an Bord wirklich eingebunden werden, dann wird Segeln spannend. Wenn sie an Bord zu sehr in Ihrem Forschungsdrang eingeschränkt werden, verlieren sie die Freude am Segeln, bzw. die Freude am Leben an Bord. Zu viele Regeln verleiden das Bordleben. Besser sind wenige Regeln, die aber absolut konsequent eingehalten werden. Kinder freuen sich über Aufgaben, über Pflichten. Durch das Leben an Bord kann man viele Dinge sehr anschaulich erklären. Die Welt ist heute sehr komplex, Kinder verstehen meist nicht, was Ihre Eltern beruflich machen. An Bord ist man 24 Stunden eng zusammen. Der Umgang miteinander ist viel intensiver als im Alltag. Es gibt keine Rückzugsmöglichkeit. Kinder können hier lernen wie wichtig es ist, Pläne zu machen, und diese umzusetzen. Sie erleben unmittelbar, welche Folgen die Planung hat. Und wie wichtig es ist, Pläne anzupassen, z.B. dem Wetter. Beziehen Sie Ihre Kinder schon früh in die Planung ein. Sie werden zum Beispiel schnell verstehen, dass man, um zu besonderen Orten zu kommen, auch mal lange segeln muss.

Wind und Wetter bestimmen unseren Tagesablauf. Wir setzen uns zwar Ziele, versuchen die aber nicht mit Krampf zu erreichen. Kreuzen ist nass, windig, kalt und langsam. Windgenerierter Strom kommt von vorn. Der Fahrtwind addiert sich mit den meteorologischen Wind. Segeln wird nass. Raumschots segeln ist trocken, angenehm, warm und schnell. Windgenerierter Strom setzt mit. Der Fahrtwind reduziert den wahren Wind. Es kommt fast nie Gischt über. Wenn der Wind von vorne weht, machen wir daher kleine oder keine Tagesetmale. Wenn der Wind von hinten kommt, große. Wenn das Wetter nicht mitspielt, segeln wir einfach gar nicht oder nicht so weit.

Kinder möchten ernst genommen werden. Wir haben immer normal mit unserem Sohn gesprochen, wie mit einem Erwachsenen, egal wie alt er war. Wir haben Entscheidungen immer sachlich begründet, und möglichst anschaulich und praktisch gezeigt. Gerade Bord muss ein Kind zum eigenen Schutz gehorchen. Dazu braucht es Vertrauen, und das schafft man, in dem man seine Entscheidungen sachlich begründet. Natürlich kann man nicht lange diskutieren, wenn ein Manöver anliegt, aber man sollte seine Entscheidungen danach erklären.

Wenn wir früh starten, ist Erik mit dabei, im Cockpit mit Schlafsack. Meist schläft er dann nach dem Auslaufen noch ein paar Stunden. Eine der schönsten Zeiten, an die ich mich erinnere, war, als unserer Sohn stundenlang im Schlafsack eingekuschelt bei mir auf dem Schoß saß, und ich erklärte, was alles um uns vorbeizieht, warum Boote schwimmen, warum Vögel fliegen, warum das Wasser nass ist, .... Wir haben an Bord keinen Wert auf einen Schlafrhythmus gelegt. Wenn ein Kind müde und Vertrauen zu seinen Eltern hat, schläft es. Egal wo. Aber am liebsten in Ihrer Nähe.

Übrigens: Wir haben nur ein kleines Boot, wenig Platz, kein fließend Wasser ? außer dem Regen und der Gischt ?, und keine Heizung außer dem Petroleumkocher in der Küchenschublade. Es gibt keine Computerspiele oder Videos an Bord. Das Überangebot der Unterhaltungsindustrie ist auf ein Radio und einem Kassetten-Walkman reduziert.

Das erste Jahr
?Keine Angst, so ein Kind hält mehr aus, als man denkt.? Hat mein Großvater immer gesagt, der war Unfallchirurg mit eigener Notfallpraxis. Und hat 2 Kinder groß bekommen, die waren viel an Bord. Der muss es wissen. 
Wellen und Schaukeln scheinen an das Leben im Bauch der Mutter zu erinnern. Jedenfalls wirkt Seegang auf den kleinen Erik einschläfernd. Die erste, unangenehme Überfahrt mit 5-6 Windstärken gegen Strom nach Helgoland im Alter von 4 Monaten verschläft Erik komplett. Und nach dem aufregenden Rundgang über Helgoland, in der Jacke seines Vaters warm angekuschelt, schläft er das erste Mal durch.
Die Mittschiffs-Koje mit Leesegel ist sein Reich. Da kann er - fast - alles machen, was er will. Bei Krängung rutscht er maximal 30 cm von einer Seite zur anderen. Findet er klasse. Die Mittschiffkoje ist recht dicht am Drehpunkt des Schiffes und beugt so der Seekrankheit vor. 
Spannend wird es, als er anfängt zu krabbeln. Um den Weg zu begrenzen, haben wir einen Mini-Lifebelt gebaut. Und die Leine so lang gemacht, wie er krabbeln darf. Wir haben einen Aussenborder im Schacht, hinten im Cockpitboden. Dieser Motor war - sofern eingebaut, ein ständiges Objekt der Begierde. Leider stoppte die Leine den Forscherdrang 10 cm vor dem Motor. "So was von hinterhältig" - das hat er sicher empfunden. Natürlich gab das lautstarken Protest. Ein Grund mehr, Anlegemanöver unter Segeln zu machen, und den Motor unter dem Cockpitboden zu verstecken.
Wenn man ausreichend warme Bekleidung dabei hat, braucht man an Bord keine Heizung. Ist natürlich angenehmer, wenn man eine hat, muss aber nicht sein. Das Schöne auf einem Boot: es gibt wenig Keime, und viel frische Luft. Das Leben im Kindergarten ist für das Immunsystem viel anstrengender. Trotz fehlender Heizung hat sich Erik nie erkältet. Windeln wechseln ist dank moderner Einwegwindeln ebenfalls kein Problem auf einem kleinen Schiff. Als enorm praktisch stellten sich Feuchtücher heraus, die reinigen gründlich und schonend ohne fließend Wasser. 


1 Jahr
"Gagalabla ba ba ba, da gi da gi da da". Mit der Winschkurbel am Ohr unterhält Erik lautstark den Hafen, während wir einlaufen. Im übervollen Sonderborg werden uns gleich mehrere Plätze angeboten. Wie schön: Es gibt doch noch einen Kinderbonus. 

Dabei fing die Saison gar nicht gut an: Nachdem er gerade - auf festen Grund - das Laufen gelernt hatte, war es überhaupt nicht in Ordnung, dass das alles nicht mehr klappte, wenn das Boot schaukelte. Die 4-tage Tour über Himmelfahrt wurde die schlimmste Kinderzeit ? für uns. Das Boot war gerade ins Wasser gekommen, wir wollten schnell weg, hatten unsere Sachen einfach ins Boot geworfen. Unter Deck war es eng und chaotisch. Das Wetter war grau, und viel Wind. Wir waren von der Arbeit müde und nicht gerade entspannt. Beim Segeln waren wir mit Aufräumen beschäftigt, und hatten keine Zeit für Erik. Sobald das Boot schaukelte, verlor Erik das gerade gefundene Gleichgewicht und fing an zu schreien. Warum nur? Irgendwie klang sein Getöse aber nicht ängstlich, sondern eher wütend. Nach 2 Tagen gaben wir auf, und kehrten um, den Rest des verlängerten Wochenendes wollten wir zu Hause verbringen. Unsere eigene Stimmung stieg, wir lachten und waren entspannt. Wir Erik saß viel bei uns auf dem Schoß, und wir beschäftigten uns mit Ihm, und halfen Ihm sich zu bewegen. Bald hatte er die Schwankungen halbwegs im Griff, bzw. akzeptiert, das er manche Dinge nicht erreichen kann.
Auf der Tour folgenden Wochenende war für alle die Welt wieder in Ordnung. Denn ein schaukelndes Boot kann auch ein Quell ständiger Freude sein: Spielzeugautos und Bälle bewegen sich plötzlich selbstständig, ohne diese anschieben zu müssen. Es lässt sich herrlich im Schiffsinneren schaukeln.
Fazit: Kinder brauchen Aufmerksamkeit, Eltern brauchen Zeit.


2 Jahre
"Rabähhh!" Dem Platsch folgte ein ohrenbetäubendes Geschrei. Ich blicke lachend über die Bordwand und sah unseren Sohn wild stampelnd aber ordnungsgemäß aufgeschwommen neben dem Boot, greife nach unten, und hole ihn heraus: "Kalt und nass, was? ? Besser nicht nochmal hereinfallen." Das Geschrei verstummt. Schnell wechseln wir die nassen Klamotten, und ich drücke Ihn lange und liebevoll (mit ein wenig schlechtem Gewissen) zum Aufwärmen an mich. Denn ich habe es kontrolliert provoziert: Wir haben an Deck Tauziehen gespielt. Als ich losgelassen habe, ist unser Sohn 2 Schritte rückwärts gegangen, und außenbords verschwunden. Rabenvater! Meine Frau war gar nicht begeistert. Doch irgendwann fällt jedes Kind mal ins Wasser. Irgendwann muss ein Kind ins Wasser fallen, damit es weiß, was es bedeutet. Warum also nicht unter kontrollierten Bedingungen, unter Aufsicht? Ich wollte nicht, das Erik irgendwann von hilfsbereiten, aber aufgeregten oder panischen Menschen aus dem Wasser gezogen wird, und sich deren Angst überträgt. 
Erik ist jedenfalls nie wieder von Bord gefallen. Danach hat er ohne Zögern die Schwimmweste angezogen, ja sogar meist freiwillig selbst daran gedacht. Er hat gelernt, wie toll eine Schwimmweste funktioniert. Eine Schwimmweste anzuhaben bedeutet Freiheit für das Kind und Entspannung für die Eltern. Er durfte danach auch während des Segelns oft an Deck. Dabei haben wir keine Seereling.

3 Jahre
"Tuut-Tuut". Der Plastikschlepper "Tuut-Tut" ist ein Quell großer Freude. Der macht wohl mehr Meilen als wir, denn im Hafen ist er auch unterwegs. Erik wird das erste Mal seekrank. Danach nehme ich Ihn auf den Schoß, sobald ich merke, dass er still wird, und beteilige ihn an den Steuerbewegungen. Das hilft immer.
Mit drei Jahren ist die Welt voller spannender, neuer Dinge. Und die wollen erkundet werden und erklärt werden. Da gibt es viel zu tun für die Eltern. Vor allem heißt es Grenzen zu setzen. Spielerische Praxisbeispiele helfen, diese Grenzen einzuhalten: Um zu demonstrieren, wie unangenehm es ist, an der Lifeleine nachgeschleppt zu werden, haben wir an einem schönen Sommertag einen Badetag auf See gemacht. In der Schwimmweste nachgeschleppt, war unserem Kind sofort klar: So toll das jetzt ist, bei schlechtem Wetter und Welle ist das sicher kein Spaß mehr.
Während des Segelns diskutieren wir die Vorteile verschiedener Bauweisen von Staudämmen aus Sand. Abends wird meistens noch eine Stunde von Mama oder Papa vorgelesen.

4 Jahre
"Papa, kann ich rauskommen?" Instinktiv dachte ich, viel zu nass und unangenehm ? und gefährlich ? und dachte kurz daran, es zu verbieten. Vor der schwedischen Westküste, nicht weit vor Varberg stand eine unangenehme Welle, ständig schwappt Gischt nach hinten. Aber das Boot segelt herrlich schnell durch die Wellen. Warum sollt ich diese Freude nicht teilen? 
"Ja, aber mit Faserpelz, dicker Jacke, Ölzeug, Schwimmweste, Lifeline. Selber anziehen. Mama gibt Dir die Sachen." Erik strahlt. Dick eingemummelt kommt er ins Cockpit. "Darf ich auf die Kante?" Ich binde seine Lifeleine so kurz, dass er nicht außenbords fallen kann. Er rückt dicht an mich, und ich spüre, wie er die Bewegungen der Wellen mitmacht. Neben uns bleckt eine Welle bedrohlich die Zähne: "Achtung!" schreie ich. Wosch - da kommt eine dicke Ladung Wasser über. Er schaut mit großen, fragenden Augen aus einem pitschnassen Gesicht zu mir hoch. Ich lache: "Es gibt nette und böse Wellen. Schiebewellen und Spritzmänner. Die Schiebewellen machen uns schneller. Die Spritzmänner wollen uns naßmachen. Da kannst Du mit helfen, und ansagen, wenn so ein Spritzmann kommt. Die haben weiße Köpfe und sind meistens steiler und größer. Dann kann ich abfallen, und Ihn überlisten, dann schiebt er uns." Die nächsten 2 Stunden bis Varberg ist er nicht von der Kante wegzubekommen, und sagt Wellen an.

5 Jahre
"Ich habe Spi gesetzt". In der Kajüte ist ein unglaubliches Choas. Mittels Unmengen an Leinen, Handläufern als Umlenkpunkte, Kescher als Spibaum, und Segelsack als Spinnaker wird hart trainiert. Kinder wollen das machen, was Ihre Eltern machen.
Es gibt übrigens kein schlechtes Wetter. Es gibt nur doofe Eltern. Unsere völlig fehlkonstruierten Regenabläufe der Backskistendeckel im Heck befördern jede Menge Wasser ins Cockpit, das bei wenig Wind nicht durch die Lenzer ablaufen will. Was für ein herrliches Planschbecken! In den Wellen des schwappenden Cockpitbodenwassers kämpfen Boote im Sturm, müssen Schiffbrüchige gerettet werden, ... das beim Planschen alle noch nasser werden und Wasser in die Kajüte spritzt, kann nur wieder die Eltern stören. 
Mit einer dünnen, langen Leine gesichert übt Erik tagelang paddeln mit dem Schlauchboot.

6 Jahre
"Die Form des letzten Drittels des Rumpfes entscheidet, ob ein Boot gleiten kann oder nicht." Der Segelsommer steht im Zeichen ausgiebiger hydrodynamischer Forschungen. Was man so alles nachschleppen kann: Spielzeugboote, Flaschen, Eimer, Fender, .... Akribisch füllt Erik Flaschen mit Wasser, bindet diese an, und schleppt sie nach. Schwere Flaschen gleiten nicht, sondern fangen sogar an zu tauchen. Boah, das ist spannend. Und ein Kugelfender, bei 7 Knoten nachgeschleppt, geht auch auf Tauchfahrt. Und produziert so einen Druck, dass man den nicht mehr festhalten kann. Gute Gelegenheit, mal ein Mann über Bord Manöver zu üben. Übrigens: heute gefragt, was an Bord das beste Spiel ist, kommt spontan: "Flaschen nachziehen."
Bei uns wird jeder Gegenstand wieder gerettet, auch ein Lappen oder Schwamm. Mann über Bord Manöver kann man gar nicht oft genug üben. 
Wir verbringen dieses Jahr einen traumhaften - und prägenden - Urlaub in den ostschwedischen Schären bis Stockholm. Unser Boot segelt Freund Peter Schweer zurück. Beeren sammeln, schwimmen, Schlauchboot fahren, das könnte noch Wochen so weiter gehen. Der Spinnakersack ist fest in Eriks Hand und wird überall an Bord kunstvoll gesetzt.

7 Jahre
"Der Leuchtturm da hinten, gehen wir dahin?" Sieht nicht gar so weit aus. Wir stehen auf Anholts Dünen und schauen nach Osten. Vor uns liegt eine ausgedehnte Dünenlandschaft, Anholts "Wüste". Bewaffnet mit einem Liter Wasser und "Waldläufer-Stöcken" machen wir uns auf den Weg. Der Leuchtturm kommt und kommt nicht näher. Unsere Expedition droht zu scheitern. "Ich möchte aber zum Leuchtturm." OK, dann heißt es Wasser zu rationieren. Wir stellen einen Plan auf. Und kommen tatsächlich an. Auf dem Rückweg kippt die Stimmung: "Ich kann nicht mehr." Ich erfinde phantasievolle Geschichten von Nord-Indianern, die uns verfolgen, Bären, die uns auflauern. Mitunter rennen wir "um unser Leben", weil uns ein Rudel Wölfe verfolgt. Erschöpfung? - Vergessen.  Als wir weitere 2 Stunden später wieder an Bord sind, sind wir völlig groggy aber glücklich. Der Blick auf die Karte sagt: 6 Seemeilen vom Hafen zum Leuchtturm. Erik ganz stolz: "Nächstes Jahr gehen wir nochmal zum Leuchtturm, oder?" Ich hoffe, dass ich mich bis da nicht zu alt fühle.

8 Jahre
"Du weißt, wir müssen viel segeln, wenn wir in die Schären wollen." Wir beziehen Erik in die Urlaubsplanung voll ein, erklären die Vor- und Nachteile von Dänemark, schwedische Westküste, oder eben den ostschwedischen Schären. Ostschweden wird unser Ziel, trotz nur drei Wochen Zeit, inklusive Hin- und Rückweg. Der Reise in die ostschwedischen Schären hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Erik: "Die Natur ist so toll." In diesem Jahr will er zum ersten Mal selbst die Spischoten fahren. Es ist wenig Wind, und nach kurzer Zeit versteht er, was er machen muss. Dabei hat er noch keine Lust Opti zu segeln.

9 Jahre
"Kannst Du vorlesen?" Es gießt in Strömen. Keiner von uns hat Lust, die auch nur die Nase nach draußen zu stecken. Diesen Regentag verbringen wir komplett in der Koje und lesen: Zu dritt in einem Buch: "Ferien auf Saltkrokan". Jeder muss abwechselnd 2 Seiten vorlesen. Auch Erik. 
Ein paar Tage später auf Anholt treffen wir Freunde, ein Familie mit 2 Kindern, und beschließen, einige Zeit gemeinsam zu segeln, Ziel westschwedische Schären. Der Leuchtturm muss diesmal warten. Erik ist viel mit den beiden Freunden zusammen. Fast bin ich ein wenig traurig, so wenig werde ich beansprucht. Nach einer Woche trennen sich die Wege, unsere Freude übergeben Ihr Boot ihren Eltern. Wir haben mehr Zeit, segeln selbst zurück. Auf der Überfahrt von Mollösund nach Laesø fängt Erik das erste Mal Makrelen. Ich zeige Ihm, wie man die Fische tötet und ausnimmt. Ein bisschen eklig ? aber enorm spannend.

10 Jahre
Wir nehmen zwei ferngesteuerte Modellboote mit, damit Erik und Papa was zum Spielen haben. Falls es uns langweilig wird. Wir nutzen die Boote nur einmal. Einfach keine Zeit. Viel zu viel Neues zu entdecken. Die ausgedehnten Forschungsreisen auf den dänischen Inseln und schwedischen Schären sind bis heute das Beste am Urlaub. Aber auch Lesen ist im Stellenwert hoch gerutscht, mehrere Bände Harry Potter müssen dran glauben. 
Das Wetter, bzw. der Wind sagt: Westschweden. Erik fragt ?Wann sind wir auf Anholt? Können wir nicht die Nacht durchsegeln?? Nach 4 Tagen sind wir dort. Natürlich gehen wir zum Leuchtturm auf der Ostspitze, diesmal mit größeren Wasservorräten bewaffnet. 

Einstellung
Seien Sie ehrlich mit sich selbst. Kinder spüren, wenn Sie unsicher sind. Es gibt keine "schlechten" Segler. Es gibt Segler mit viel Übung und mit weniger. Setzen Sie sich nicht mit großen Zielen unter Druck, vermeiden Sie Situationen, in denen Sie selbst unter Stress setzen. Mit Manövern mit viel Geschrei führen Sie sicher keine Kinder zum Segeln. Eine ungewohnte, für das Kind brenzliche Situation kann allein durch ein Lächeln oder mit einem ruhigen Augenkontakt entschärft werden, und in eine positive Erfahrung verwandelt werden. Schieben Sie Ihre Kinder bei schlechtem Wetter nicht in die Kajüte ab. Geben Sie Ihnen Nähe, und lassen Sie Ihren Nachwuchs die Erfahrung kontrolliert miterleben. Erklären Sie die Situation ruhig, egal wie alt das Kind ist. Allein der Ton der Stimme vermittelt Sicherheit.

- Mut ist, seine Angst zu überwinden. Wenn Sie Angst haben, lachen Sie trotzdem. Ihren Kindern zuliebe.
- Nehmen Sie sich Zeit für Ihre Kinder. Vor allem an Bord, sorgen sie für liebevolle Nähe.
- Lieber wenige Regeln und die verständlich erklären und konsequent durchsetzen.
- Lassen Sie Ihr Kind eigene Erfahrungen machen. Beobachten Sie (heimlich), und greifen Sie erst ein, wenn es wirklich brenzlich wird. Sie werden erstaunt sein, was so ein Kind alles kann und wie schnell es lernt.

Typischer Tagesablauf
Aufwachen - Kuscheln bei Mama und Papa - geht über zum Toben, bis Papa aufgibt und aufsteht.
Brötchenholen - oft der erste gemeinsame Ausflug
Frühstücken und Tagesplanung
Aufklaren, Schlauchboot ablassen (macht Papa)
Ausflug oder Auslaufen (meist erst gegen 13Uhr)
Segeln
Einlaufen, festmachen und aufklaren
Schlauchboot aufpumpen (macht Erik)
Gegend erkunden (allein oder mit Mama/Papa)
Abendessen
Vorlesen und Kuscheln 
Schlafen
Manchmal sitzen wir Eltern noch etwas mit Freunden im Cockpit.


Regeln: Unsere "Gesetze" für das Leben an Bord
Wenn man eine Regel aufstellt, heißt es, diese absolut konsequent durchzusetzen. Weniger (regeln) ist hier mehr.
- immer Schwimmweste an, sobald die Schwelle vom Kajüteingang überschritten wird
- beim Segeln muss das Kind fragen, ob man angeleint oder unangeleint an Deck darf
- sobald die Bedingungen es nicht zulassen, dass man sofort umkehrt, immer anleinen
(auf Spikursen, über 4 Beaufort, in engen Fahrwassern, z.B. Schären oder Wattenmeer)
- eine Hand für das Boot, eine für sich
- ausreichend Sonnenschutz
- wenn man Kram ausräumt, muss man den auch wieder wegräumen
- bei Manövern wird erst gehorcht, danach nach den Gründen gefragt

Sicherheit
Viel ist nicht notwendig, um das Leben an Bord sicher zu machen:
- passender Lifebelt
- Schwimmweste mit Griff oder Gurt am Rücken, an dem man das Kind festhalten, anbinden, oder hochheben kann
- striktes Einhalten der Regeln
- vor allem kleine Kinder bei Manövern aus dem Gefahren-, bzw. Aktionsradius heraushalten:
 Am besten durch Anleinen.
- Ölzeug, Gummistiefel und warmes Unterzeug

Törnziele
Eigentlich ist es egal, wohin sie fahren. Wenn sie selbst weniger mit Ihren Kindern unternehmen wollen, dann sind Häfen mit großen Spielplätzen oder Sandstränden eher die Wahl. Dort finden sich schnell Spielkameraden, die ebenfalls Anschluss suchen. Sprache stellt kein Hinderungsgrund da: Die Multikulti-Dünen-Rutsch- und Dornbusch-Spring-Gang auf Anholt ist der beste Beweis. Oder die schwedisch-dänisch-deutsche Kooperation zur Eindeichung von Strandseen.

Gute Ziele sind:
- Sandstrände zum Umgraben (Anholt, Bogense, Hornbaek)
- große Spielplätze (Marstal,Tunø)
- geschütze Häfen und Buchten, in denen man frei Schlauchbootfahren kann (Dyvig)
- begrenzte Gebiete, die man erkunden kann (unzählige Schäreninseln)
- Schifffahrtsmuseen (Göteborg, Karlskrona, Kalmar, Figeholm, Marstral)
- Eisdielen (Karlskrona am Marktplatz mit unglaublichen Portionen...)
- Julsminde mit der Krabbenrutschbahn
- Dageløkke mit den Trampolinen

Ansonsten kann ist auch ein Industriehafen ein unvergessliches Erlebnis, wenn Sie mit Ihren Kindern durch die Anlagen und Schiffe stromern und alles erklären. Es kommt einfach immer darauf an, was SIE daraus machen.

Die tollsten Spiele an Bord
Die besonders beliebten Spiele an Bord sind:
- mit der Winschkurbel telefonieren
- den Spisack als Spi setzen, bei schlechtem Wetter auch im Schiff
- Leinen im ganzen Boot verstricken
- Flaschen nachschleppen (viel spannender als Spielzeug-Dampfer)
- im Wasser auf dem Cockpitboden planschen (vor allem bei Regen im Ölzeug sehr beliebt)
- Schlauchboot auf dem Vordeck aufblasen und mit Wasser füllen
- im Bootsmannsstuhl in den Mast ziehen
- Navigation: Auf der Karte finden, wo man gerade ist
- der Hand-GPS ist ein Quell nicht endender Freude
- Höhlen aus Polstern und Decken bauen
- Schaukeln im Schiff
- auf der Bugspitze sitzen, und Beine ins Wasser stecken
- Angeln
- Flaggen setzen (gerne auch im Schiff)
- Knoten (weniger die "offiziellen", eher die eigenen Kreationen)


Aktuelle Erkenntnisse zur Entwicklung von Kindern 
?Das Geheimnis des Lernens und Erinnerns steckt in der Art und Weise, wie Milliarden von Neuronen miteinander verknüpft sind.? (Mechsner 2004, S. 174) 

Nina Werner, LMU München, Institut für Soziologie, schreibt: ?Lange Zeit wurde angenommen, dass die Gene allein bestimmen, wie intelligent ein Kind ist und wie ausgeprägt sein Gehirn ist. Doch wenn der Säugling auf die Welt kommt, sind seine Hirnfunktionen nur in Ansätzen vorhanden. Die Wissenschaft hat bewiesen, dass die Umwelt, das Elternhaus, die Geschwister und die Vielfalt der Umgebung maßgeblich daran teilhaben, wie sich das Gehirn des Babys ausbildet. Es ist also nicht genetisch vorbestimmt, welches Kind besonders lernfähig wird und welches später einmal Schwierigkeiten in der Schule haben wird. Die Erfahrungen in früher Kindheit haben Auswirkungen bis ins Erwachsenenalter und somit auch auf unsere Gesellschaft. Dieses neue neurobiologische Wissen über die Entwicklung des Gehirns von Neugeborenen bringt Fakten und Theorien hervor, die das schlechte Abschneiden bei internationalen Leistungsnachweisen, wie bei PISA-2000 begründen könnten. Frühkindliche Bildung wurde in Deutschland lange Zeit vernachlässigt."

Kinder nehmen zu jedem Zeitpunkt ihrer Entwicklung weitaus mehr auf, als wir bisher angenommen haben. Prof. Dr. Walter Thimm: ?Die Gene allein entscheiden nicht über Begabung und Persönlichkeitsmerkmale.? Unsere genetischen Anlagen haben sich seit der Steinzeit kaum verändert. Doch wir können heute abstrakter Denken und haben mehr geistige Fähigkeiten. Unsere Gene sind der Ursprung, doch die Fähigkeiten, die wir entwickeln, sind abhängig von den Erfahrungen und den Signalen der Umwelt, die die Entstehung des Nervensystems prägen. Die Hirnforscher konnten in den letzten Jahren zeigen, dass die "Schaltungen" im menschlichen Gehirn in einem hohen Maß durch eigene Erfahrungen geformt werden. Beim Erwachsenen ist das neuronale Netz bereits gefestigt und bestimmte Synapsen haben sich verstärkt und ausgebildet, um die elektrischen Impulse von außen weiterzuleiten. Die Nervenzellen beim Neugeborenen sind noch mit viel mehr Synapsen verbunden, die elektrische Signale in alle Richtungen weitergeben.

Kinder suchen sich ihren Weg und erschließen sich die Welt aus eigenem Antrieb, und wir können ihnen dabei Mut machen, ihnen mögliche Wege zeigen und sie unterstützen, wenn sie allein (noch) nicht weiterkommen und sich nicht zurechtfinden. Lernen funktioniert bei Kindern (wie auch bei Erwachsenen) immer dann am besten, wenn es ein bisschen ?unter die Haut geht?. Dann werden die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert und die Botenstoffe vermehrt freigesetzt, die das Knüpfen neuer Verbindungen zwischen den Nervenzellen fördern. Um zu vermeiden, dass Spannung in Angst umschlägt, und die Erfahrungen negativ abgelegt werden, ist eine liebevolle und vor allem vertrauensvolle Atmosphäre wichtig. 

Um sich optimal entwickeln zu können, brauchen Kinder die Erfahrung, willkommen zu sein und müssen sichere Bindungspartner finden. Kinder brauchen Orientierung, wenn Sie auf die Welt kommen. Wenn sie Angst haben, muss Ihnen jemand zur Seite stehen, und helfen, diese Angst zu überwinden. Bei einem Kind, dem in solchen Situationen regelmäßig geholfen wird, und das Geborgenheit und Sicherheit findet, werden die dabei aktivierten Synapsen gefestigt, Selbstvertrauen und Sicherheit entsteht. Umgekehrt bedeutet das aber auch, das ein Kind, wenn es zu sehr behütet wird, zu wenig Erfahrungen macht.
Prof. Dr. Gerald Hüther: "Viele Eltern wissen das und festigen diese Bindung spielerisch, beispielsweise indem sie sich immer wieder kurzzeitig verstecken, um anschließend, genau dann, wenn das Kind Angst bekommt und nach der Mutter oder den Vater sucht, wieder aufzutauchen. Wenn Kindern das Gefuhl vermittelt wird, dass sie in der Lage sind, die verschwundene Bezugsperson durch eine eigene Reaktion wieder herbeizuholen, wächst ihr Vertrauen in ihre eigene Fähigkeit, bedrohliche Situationen meistern zu können. Auch die dabei aktivierten Verschaltungen werden gebahnt. So entsteht Selbstvertrauen, Vertrauen in die eigene Kompetenz bei der Bewältigung von Problemen."

Der Mangel an emotionaler Zuwendung ist verantwortlich für die Entstehung früher Bindungsstörungen. Kinder sind oft hinderlich bei Beruf, Karriere, und Selbstverwirklichung. Das kindliche Bedürfnis nach Aufmerksamkeit, Geborgenheit und Zuwendung ist modernen Eltern allzu leicht lästig. Die Ausübung der gesellschaftlich anerkannten Pflichten, eine besonders ausgewogene Ernährung, Sauberkeit, ansprechende, modische Kleidung, die Beschaffung von tollem Spielzeug sind weniger wichtig für ihr Kind als Nähe. Es geht nicht darum, das Kind zu verwöhnen. Sie müssen da sein, wenn Kinder Ihre emotionale, geistige und körperliche Zuwendung besonders dringend brauchen. Sonst entwickelt sich die emotionale Bindung an Bezugspersonen nur unzureichend. Der Mangel an emotionaler Sicherheit wird durch verstärkte Selbstbezogenheit kompensiert. In der eigenen, selbst bestimmten Lebenswelt gibt es keine wirklichen Herausforderungen mehr. Kinder ohne Bezugspersonen machen keine vielfältigen neuen Erfahrungen. Wichtige Entwicklungsprozesse im kindlichen Gehirn finden nicht mehr oder nur eingeschränkt statt. 


Buchtipp: Auf Schatzsuche bei unseren Kindern, Jirina Prekop, Gerald Hüther, Kösel-Verlag

Bilder: http://www.stockmaritime.de/search.php?search_text=segeln_kinder
Bilder: http://www.stockmaritime.de/search.php?search_text=segeln_kinder_final

Text: Hans Genthe für Magazin Segeln