Mit Bohrhammer und Stethoskop

Ein Teakdeck verlegen ist gar nicht so schwer ? nur verdammt viel Arbeit.

Fauliger, ätzender Geruch liegt in der Luft. Die braune Masse zu meinen Füßen sieht ziemlich unappetitlich aus. Wäre da nicht der Gestank, dann könnte man sogar Leben im Sandwichdeck vermuten.

9. April 2009. Die ersten richtig warmen Sonnenstrahlen verursachen starke innere Unruhe, das Boot muss aus dem Winterlager und ins Wasser! Beim Betreten des Decks in Höhe der Wanten wird eine Stelle im Teak feucht. Ich stelle mich mit beiden Füßen auf den Bereich - und es tritt Wasser aus. 1 Stunde später bewahrheiten sich die schlimmsten Befürchtungen. Dem vorsichtigen Bohren in den Sikaflex-Nähten des Teakdecks ist inzwischen rohes Aufstemmen gefolgt. Der Vorbesitzer hat die Stäbe des Teakdecks mit Schrauben in den Fugen fixiert, die Schauben wieder entfernt, und die Löcher einfach mit Sika zugeschmiert. Nach ca. 20 Jahren ist durch diese Löcher Wasser in das Balsa des Sandwichdecks gelaufen... und das Balsa angegammelt.

Nach heftiger Diskussion im Familienrat beschließen wir die Totalsanierung in 3 Stufen: 
1. Deck bis auf die untere GFK-Schicht entfernen, 
2. statt Balsa geschlossen-zelligen Schaum einkleben, und 
3. ein neues Teakdeck aufkleben.

Nach Einholen verschiedener Angebote wird klar: Eine deutsche Werftarbeit übersteigt unser Budget, dafür bekommt man schon eine gute gebrauchte BB10. ?So schwer kann doch das alles nicht sein!?, denke ich ? Das bisschen Deck entfernen geht  doch schnell!?. Teakdecks gibt es fertig zum Aufkleben und sehen gut aus, das hat gerade meine Mutter an Ihrem Folkeboot beweisen.

Nach 2 Monaten und mehr als 70 Arbeitsstunden ist mir klar: Das Entfernen eines Decks und des Balsakerns ist eine miese Drecksarbeit. Das Abschälen des GFKs vom Balsa mit Stemmeisen, Hammer und roher Gewalt ging zumindest zügig voran. Doch das Entfernen des Balsakerns war eine Sysiphusarbeitt. Ein Drittel des Balsaholzes war restlos vergammelt, und ließ sich spielend leicht entfernen. Der Rest war dänische Qualitätsarbeit, und erstaunlich widerstandsfähig. Mit dem Stemmeisen ging es irgendwie, aber schleppend langsam. Der Bohrhammer mit angeschliffenen Meißel pflügte zwar spielend leicht durch das Balsa, traf der Meißel aber auf Kunststoff zwischen dem Balsastücken, bohrte er sich nach unten durch die letzte dünne GFK-Schicht. Und das gab hässliche Löcher in der Kajütdecke. Die Flex war ohrenbetäubend und machte eine unzumutbare Sauerei. Am besten funktionierte der Feinschleifer mit Sägeaufsatz. Nach 3 Stunden Vibration war aber meine Hand taub. Zu aller Ironie war draußen Traumwetter ? in der Halle wurde es brütend heiß. 

Neben der Arbeit kommen dann noch Ideen und Überraschungen. Unsere Backkistendeckel sind sehr klein. Also säge ich die Öffnungen größer. Wenn schon, denn schon. Im Schiff haben wir recht hässliche Deck-Schott-Verbindungen. Mir kommt die Idee, von oben die Schotten keilförmig auszuhöhlen, und die dann von Oben neu anzulaminieren. Die Reste der runden Öffnung zum Ankerkasten im Bug, die wie sowieso verklebt haben, müssen weg, statt dessen sollen die Teakstäbe durchlaufen. Die Flex bereinigt die Optik. Die Bohrungen für die diversen Beschläge sollte man wohl besser ausbuchsen. Größere Winschen wollten wir schon lange anbauen.  So kommen bis zum Ende des Projekts 50 locker Stunden zusätzlich zustande.

Nachdem nun das 3mm starke Restdeck geschliffen ist, tränke ich die gesamte Fläcke mit Epoxy, und laminiere partiell Verstärkungen auf. Allein nur die getränkten Stellen fühlen sich nach dem Aushärten doppelt so biegesteif an.

Wichtig ist ein kraftschlüssiger Übergang vom Rumpf und Kajütaufbau zum neuen Deck. Dafür höhle ich die Ränder mind. 2cm tief aus, um den Hohlraum dann später mit einem Gemisch aus Epoxy und Microfibres aufzufüllen. An die Gemischkante spachtele und schleife ich ein leichtes Gefälle, um die Klebefläche zu vergrößern.

In der Zwischenzeit haben wir verschiedene Angebote und auch Beratung eingeholt. Bei der Wahl des Teakdecks konnte Tischermeister Behn aus Hamburg durch Flexiblität und Kompetenz überzeugen: Sein Preis ist nicht der niedrigste, aber sehr fair. CTM aus Schleswig unterstützt bei der Materialauswahl. Anbetracht der hohen Temperaturen in der Halle entschließe ich mich aber abweichend von der Empfehlung der Spezialisten das Epoxy Ampreg 21 mit längstmöglicher Topfzeit zu nehmen. 
Dadurch ist es möglich, die Zähigkeit der Klebemasse nach Bedarf einzustellen. Ich mache Tests mit verschiedenen Spachtelformen und Mischungsverhältnissen von Harz und Füller. Das beste Ergebnis bringt ein Fliesenkleber-Zahnspachtel und eine einseitig aufgebrachte honigartige Konsistenz der Mischung aus Collodial Silica, Microballoons und Microfibres. Ergebnis: Der Kleber verteilt sich perfekt und verbindet sich untrennbar mit dem Resopal-Träger des Teakdecks.

Das Einkleben des Schaumkerns gestaltet sich spielend einfach: ?Mische? anrühren, aufspachteln, angepasste Schaumkerne einlegen, Entlüftungsvlies auf den Schaum legen, Vakuumfolie drüberlegen und abdichten. Wie von Geisterhand wird der Schaum nach Einschalten der Pumpe auf das Deck gedrückt. Zumindest fast überall. Sobald ein winziges Loch im abgeklebten Folienrand ist, gibt es einen Druckabfall. Aber dank der langen Topfzeit des Klebers bleibt viel Zeit, um alle Löcher zu finden. Da hilft ein Papprohr, das man ans Ohr hält. Für das nächste Mal würde ich mir ein Stethoskop besorgen, das gibt es schon ab 5 EUR. Wenn überall Unterdruck herrscht, sieht man durch die Folie, wie der überschüssiger Kleber seitlich an den Schaumrändern austritt. Dank der Tests mit dem Zahnspachtel ist das nicht viel.

An den glatten Flächen dichtet Packband sehr gut, für rauhe Flächen eignet sich am besten Vakuumband. Das lässt sich ebenfalls nahezu rückstandsfrei entfernen. Achtung, vorher testen! Das Packband lässt sich nur rückstandsfrei entfernen, wenn man nicht die ganz billige Qualität verwendet..

Tipps:
Von der Qualität der Schablone hängt die Passgenauigkeit des vorgefertigten Teakdecks ab. Verwenden Sie möglichst verzugfestes Material, das sich bei unterschiedlichen Temperaturen nicht zu sehr in der Länge verändert.

Auf glatten Flächen braucht man kein Vakuumdichtband. 
Gegen 2 Uhr morgens fahre ich nach Hause. Das Rattern der Vakuumpumpe dröhnt noch in meinen Ohren. Aber als ich am nächsten Abend die Folie entferne, bin ich begeistert. So ein glattes Ergebnis wäre ohne Vakuum nicht möglich gewesen. Der steife Schaum hat dafür gesorgt, dass die Beulen aus den 3mm Restdeck komplett verschwunden sind, denn der Luftdruck sorgt für Anpressdruck von unten und von oben.

Um Zeit zu gewinnen, bereite ich alles möglichst weit vor: Folie und Vlies zurecht scheiden und ankleben. Vakuumdichtband anbringen, dort wo möglich. Aber vor allen Dingen aufräumen und das benötigte Werkzeug bereit legen. Denn sobald das Epoxy angemischt ist, rinnt die Zeit und der Streß wächst ...
------

Nun fülle ich die letzten kleinen Spalten zwischen den Schaumplatten mit einer Mischung aus Epoxy und Microballoons. Dann kommt eine Lage 200g Glas auf den Schaum. Stellenweise verstärke ich Bereiche mit 200g Kohlefaser, um mehr Steifigkeit im Bereich der Holepunkte und im Vordeck zu bekommen. Da wir hier keine High-Tech-Rennyacht haben, verzichte ich auf das Vakuum und lege nur Abreißgewebe auf das Laminat. So bleibt überschüssiges Harz auf dem Gewebe, und kann mit diesem nach dem Aushärten einfach abgezogen werden. Anschleifen ist zudem auch nicht mehr nötig.

Am nächsten Tag ist der große Augenblick gekommen. Das erste Stück Teak soll aufs Deck. Vorher lege ich alle Platten aus, kontrolliere die Passgenauigkeit, und schleife an den Rändern etwas nach. Tischlerei Behn hat super gearbeitet, schon nach einer Stunde passt alles super. Besonders spannend wird die Verzahnung der einzelnen Stücke. Um die Flächen gut handhaben zu können, haben wir das Deck in 8 Stücke geteilt, und eine etwa 40 cm lange Verzahnung an den Übergängen vorbereitet. Spannend vor allem deshalb, ob es klappt, die Stäbe so zu biegen, dass die Fugen gleichmäßig werden. Dafür dürfen die Stäbe im Bereich der Verzahnung noch nicht mit dem Deck verklebt werden. Unter der Verzahnung ist kein Resopal, daher lege ich dort kleine Stücke Resopal-Stücke lose unter, damit die Stäbe nicht durch das Vakuum nach unten gebogen und durch auslaufenden Kleber so fixiert werden.

Die zwei zweiten Stücke Teakdeck kommen nun hinter die ersten. Um das Vakuum von Backbord nach Steuerbord zu verteilen, lege ich einfach einen Schlauch über das Kajütdach. Toll: Jeden Abend wird das Deck ein wenig kompletter. Am 5. Abend sieht das Boot schon prächtig aus. Jetzt bin ich mir sicher, dass sich die viele Arbeit gelohnt hat, denn inzwischen sind rund 200 Arbeitstunden aufgelaufen.

Endlich ist der Tag da, an dem die Verzahnungen fixiert werden sollen. Mit einem Schleifaufsatz für den Feinschleifer entferne ich Epoxy-Reste. Mit kleinen, 4mm Teakstückchen gelingt es recht einfach, die Stäbe zueinander auszurichten. Zum verkleben dicke ich Epoxy so weit an, dass es gerade noch unter die Teakstäbe läuft, sich durch den Kapillareffekt verteilt, und so den Hohlraum perfekt füllt. Mit Spritzen aus dem Medizinbedarf geht das ganz schön schnell und sehr sauber. Das hatte ich mir schwieriger vorgestellt.

Bevor die Fuge gefüllt werden kann, muss ich noch Süll, Mittelplanke und Schanddeck neu lackieren. Bei der Hitze geht das nur in der Nacht. Dann verläuft der Alexseal-Lack super, und es ist weitgehend staubfrei.

Jetzt schnell noch verfugen. Vorher noch das bisschen Kleber wegschleifen, das hier und da in die zukünftige äußere Sikafuge ausgetreten ust. Schnell? Satte 10 Stunden schleife ich an den Fugen herum. Das sind ja immerhin 4 x 10m .... Mit leichtem Grauen denke ich an das Abkleben. Beide Seiten der Fuge sollen sauber bleiben, das bedeutet über 80 m Klebeband ... Kontinuierlich tropft mir der Schweiß von der Stirn. Es ist brütend heiß. Wo die Tropfen hinfallen, muss ich erst warten, bis der Schweiß verdampft ist. Sonst hält das Klebeband nicht. Das Traumwetter bedeutet eine Höllenatmosphäre in der Halle. Das Boot MUSS ins Wasser.

Am 18.7. arbeite ich 17 Stunden durch. Mein Tagesprotokoll: Verzahnungen im Teak Sika verschliffen. Winschenlöcher durchs Teakdeck gebohrt. Beschläge vom Süll abgebaut. Curryklemmenpodeste aufs Süll aufgespachtelt.  Poliertest am Rumpf. Deckskante zum Teak begradigt: gespachtelt, geschliffen. Ca. 30m Fuge rund um die Teakflächen von Epoxy befreit. Bohrungen für Klampe Achterdeck und Spibaumniederholerumlenkblock ausgebuchst. Mittelplanke und Schandeck gespachtelt und geschliffen. Schrauben für Beschläge gemessen. Silikonränder an den Fenstern entfernt.

Am nächsten Tag laminiere ich nebenbei neue Backskisten deckel: Glas unter die Teakdeckel laminieren, Schaum darauf legen, wieder Glas auflaminieren und alles in eine Mülltüte und über die Vakuumpumpe die Luft raussaugen. Klappt prima. 
Am 22.7. Endlich verfuge ich die Kante mit Sika. Wichtig! Das Klebeband muss ab, bevor das Sika anfängt zu trocknen, sonst zeiht man eine Teil mit dem Klebeband ab. Bei der Hitze bleibt da nicht viel Zeit. Das ist der manifestierte Alptraum. Die Latex-Handschuhe verkleben sofort mit dem Klebeband und zerreißen. Das Klebeband darf auf keinen Falls ans Deck kommen... dafür hängt es an den Händen, Armen, Beinen ... die widerliche schwarze Masse verteilt sich langsam überall auf mir. Ich habe keine Zeit, mich sauberzumachen, immer wenn ich zu lange brauche, trocknet die Masse an, und beim Abziehen beschädige ich die wunderbar glatte Oberfläche der Fuge. Hätte ich das doch nachts gemacht. Meine Stimmung sinkt ins Bodenlose. Irgendwie verfängt sich sogar Band in den Haaren. Die Leiter klebt. Die Schere auch. Auf dem Boden um das Schiff liegen überall Klebeband-Sika-Tretminen. Mein Schweiß läuft mir in die Augen, und ich kann teilweise kaum etwas sehen. Gleich falle ich bestimmt vom Boot und bin tot. Hoffentlich geht´s schnell.
Doch als ich mir das erste Mal einen Gesamteindruck verschaffe, kommt der Lebenswille zurück. WOW - Ein neues Schiff. Nur der Rumpf will nicht zum Boot passen. 

Nach 250 Stunden Arbeit geht es jetzt zum Endspurt über. Übermorgen soll das Boot ins Wasser. An einem ? langen ? Tag montieren 3 Erwachsene und 2 Kinder die Beschläge. Nachts poliere ich noch den Rumpf. Am 24.7. schwimmt die Freya wieder in Ihrem Element. In Wedel werden wir gefragt, ob wir uns eine neue BB10 gekauft haben. Was gibt es für ein schöneren Dank für all die Arbeit.


Literaturtipps:
Vakuumleitfaden von CTM, kostenlos unter www.cmat.de

Bezugsquellen/Lieferantenempfehlung
- Epoxy, Gewebe, Füller, Vakuummaterial: CTM, www.cmat.de
- Lack: Alexseal, www.alexseal.de
- Teakdeck, Sikaflex : www.tischlereibehn.de
- Säge, Feil- und Schleifwerkzeug: Fein, www.fein.de

Text: Hans Genthe