Senatspreis 2009/2010

September 2009. 

Mein Handy klingelt. Erik, unser 11-jähriger Sohn hat Fieber. Es ist Freitag, und eigentlich wollen wir Flensburger Herbstwoche mit unserer BB10 segeln, zusammen mit Markus. Nun müssen wir etwas enttäuscht zurück nach Hamburg. Aber auf der Fahrt kommen schon neue Ideen. Denn morgen ist Senatspreis. 


Markus war eigentlich Konkurrenz. Mehrfach hat unsere "Freya" hart gegen seine "Kleine Briese" kämpfen müssen, mal war unsere 30 Jahre alte BB10 vorn, mal sein 71 Jahre alter 30er Jollenkreuzer. Da lag es nahe, sich zu verbünden, und gemeinsam ASSO99 zu segeln. 

Heute aber liegt der wunderschöne 30er Jollenkreuzer in Wedel, und zerrt an seinen Leinen. Warum nicht einen Tag Senatspreis segeln? Titus, ein weiteres ASSO-Crewmitglied, war schnell angerufen und sofort begeistert. Denn ein Jollenkreuzer ist DAS Schiff für die Elbe.


Am Samstag morgen ist guter Wind. Nachmelden ist kein Problem. Wir starten hochmotiviert etwas zu spät und kreuzen Richtung 114. Auf der Nordseite unter den Staks kommt unsere Zeit. Gegen den Strom ist es gut im flachen Wasser zu kreuzen. Mit dem Wissen, dass man notfalls das Schwert hochnehmen kann, kann man die Tiefe voll ausreizen. Jeden Winddreher ausnutzend kämpfen wir uns vor. Nach dem Runden der Tonne setzten wir den Spi und fahren mitten ins Fahrwasser. In den Böen kommt das Boot kurzzeitig zum Gleiten und katapultiert uns weiter nach vorn. Da das Feld eher unter Land hängt, haben wir zudem mehr Strom. In der Hannover Nebenelbe sind wir ganz vorn dabei. 

Aber dann kommt unser Kurz: Der Spikurs nach Blankenese wird spitz. Das Feld luvt sich hoch, wir fahren mit den Böen tiefe, kommen voll ins gleiten. In Luv schießt einer nach dem anderen in den Wind. Und jedesmal tauchen wir mit Speed durch. Spi auf, abfallen, Speed machen und langsam anluven, denn in Lee wird es flach. 6-10 Boote unterholen wir so. Da zahlt sich das gemeinsame ASSO99-Segeln aus. Auf der folgenden Kreuz decken wir die Nachfolger, aber einige fahren mit dem weiter auffrischenden Wind durch. 3 Leute beringen einfach nicht das Gewicht wie die Regattabesetzung von 5. Im Ziel sind wir uns einig: Das war ein besserer Ersatz für die Flensburger Herbstwoche. Als wir auf der Preisverleihung den 2. Platz überreicht bekommen, ist der Tag vollkommen. Am Montag danach kommt es noch besser: Dieter Tetzen ruft an:  Hans, Ihr habt den Senatspreis gewonnen. Thorsten Democh hat uns darauf hingewiesen, das wir eine Flasche Yardstickzahl für sein Boot  aufgenommen hatten. Nach Korrektur ist er hinter Euch." Danke, Thorsten, das nenne ich Sportsgeist.


September 2010.

Als Markus mich anruft: Willst Du wieder Senatspreis segeln, muss ich nicht lange nachdenken. Klar, den Preis muss man verteidigen. Diesmal bereiten wir uns besser vor:  Volle Kampfbesetzung. 4 Mann + 1 Frau. Um 8 Treffen sich Markus und ich schon am Boot und räumen Tonnen an Konserven und jede Menge Tourenausrüstung aus dem Schiff. Ich schrubbe eine Dreiviertelstunde das Unterwasserschiff. Aber wo bleibt der Rest der Mannschaft? Markus telefoniert: 2 werden nicht kommen! Voll Verzweiflung gelingt es Ihm am Handy den schlaftrunkenen Brah zu überzeugen. Brah hat vor 20 Jahren in 6-jähriger Kleinarbeit die "Kleine Briese" renoviert. Er ist Bootsbauer. Her hat Power. Mit Dagmar, unserer ASSO-Erfahrenen Navigatoren sind wir dann doch noch so eine Art "Dreamteam".


Ich studiere meine Elbebibel mit den Strömungskarten und den Tidenkalender, und präge mit die Stromverhältnisse in dem Regattazeitraum ein. Dann geht´s raus. Immer wieder ziehen Wolken mit Regenböen über den Hafen, wir wählen daher die Fock. Doch kurz vor dem Start sieht es so aus, als würde es ein längeres Wolkenloch geben. Der Wechsel auf die Genua 2 dauert etwas länger als geplant, ca. 30 Sekunden nach dem Feld gehen wir auch über die Linie und biegen stark nach Nord auf die nördliche Fahrwasserseite ab. Das Groß des Feldes bleibt am Südufer, bzw. fährt durch die Fahrwassermitte. Warum? Unter Land ist doch sicher weniger oder gestörter Wind und im Fahrwasser starker Gegenstrom. Wir fahren tief zwischen die Staks auf der Nordseite, sind mit Abstand leewärtigstes Boot. Mit Erfolg: Bei Tonne 118 sind wir schon fast querab der viel schnelleren ESSE 950. Das fängt scheinbar gut an. Nur wo ist die Tonne, die wir runden sollen? Bei Tonne 114 ist nichts zu sehen. Hat es doch einen Grund, dass die anderen so hoch fahren? Dann sehen wir die Bescherung, die Tonne ist auf der Südseite! Wir luven an, und sind schon zu weit gefahren, trotz Gegenstrom müssen wir noch einen Schlag machen. Das Queren des Fahrwassers relativiert den Erfolg unserer Taktik etwas, doch der etwa gleichschnelle andere 30er ist schon weit hinter uns.


Nach Runden der Tonne luven alle hoch, der Kurz ist spitz. Um freien Wind zu bekommen und in den Strom zu fahren, setzen wir den Spi und tauchen hinter den Hecks nach Lee ab. Im Fahrwasser ist tatsächlich deutlich mehr Wind, als Brah hinter der Spischot nach Lee durch Cockpit fliegt, fällt uns auf, dass wir die Knarren in den Spiblöcken nicht eingeschaltet haben? und eine Winsch gibt es nicht für die Spischot. Das ist harte Arbeit selbst für dicke Bootsbauerpranken. Am roten Tonnenstrich bergen wir den Spi und luven wieder an. Mit mehr Wind und mehr Strom unterlaufen wir sehr schnell das Regattafeld, dass ich in den Abwinden vom Ufer hochluvt. 


Als wir die Tonne in der Hanöfer Nebenelbe runden, sind wir ganz weit vorne dabei. Wieder wählen wir die Leetour und gehen so dicht wie möglich an den Hanskalbsand ins flache Wasser. An der 3m-Linie mit weniger Strom und mehr Wind segeln wir in Lee von 3 weiteren Schiffen durch. 


Nach dem Runden des Hanskalbsandes fallen wir ab bis Mitte Fahrwasser. Das sieht zuerst nicht gut aus, aber noch läuft der Strom mit, und je weiter wir vom Ufer weg sind, desto besser wird der Wind. Diesmal sind die Knarren drin. Brah kennt das Boot genau, und auch wir anderen drei sind ein eingespieltes Team. Wir sind schnell. Die Luffe 37 vor uns wandert nach hinten aus, ist zu dicht unter Land. Die X99 fährt mit uns auch Tiefe, aber nicht so konsequent, luvt aber kurz vor dem Mühlenberger Loch zu früh an. Mit etwas mehr Wind und Strom rutschen wir in einer Böe in Lee durch und luven hinter der J35 hoch, um Innenposition zu bekommen. Chosi luvt nicht mit, wir bekommen eine Überlappung und decken Sie ab. So gehen wir vor Ihnen um die Tonne und bekommen die sichere Leeposition. Damit kann die an der Kreuz schnellere Chosi nicht an uns vorbei. Im Mühlenberger Loch wendet Chosi weg. Hochwasser war bereits. Wir pokern darauf, dass am Fahrwasserrand der Strom schon mitläuft, während es im Strom noch nachläuft. Aus der Peilung auf die Chose sehe ich, dass im Fahrwasser noch Gegenstrom ist. Wir kreuzen mit Kleien Schlägen am Schweinesand hoch. Der Wind pendelt um bis zu 20 Grad hin und her, wir nutzen die Winddreher, um uns immer wieder dicht unter Land zu verholen. Die Wenden werden immer schneller. Kaum zu glauben, wir holen auf die anderen Schiffe auf, die deutlich längere Schläge ins Fahrwasser machen. An Tonne 123 scheint der Strom auch im Fahrwasser jetzt mitzulaufen. Wir wechseln auf die Nordseite, um nicht zu weit zu fahren, und die Dreher weiter voll nutzen zu können. Im Ziel sind vielleicht noch 5 Boote vor uns, wir sind sicher, dass muss für uns eine gute Regatta gewesen sein.