260 Seemeilen Warnemünde-Rund Bornholm- Warnemünde

Lärm! Knarren, schwere Tritte an Deck, kurze Kommandos reißen mich aus dem Schlaf. Ich springe in die Seestiefel und taumele verschlafen zum Niedergang. in gutroter Pracht steht der Topspi am Himmel. Das Speedo zeigt 10 Knoten. Steuerbord liegt die hohe, grüne Insel Bornholm. Alles Gut!

Weder voraus noch achteraus ist ein Schiff zu sehen. Ein weiteres gutes Zeichen. Bei der Regatta Rund Bornholm kann jeder selbst entscheiden, in welcher Richtung er um die Insel segelt. Normalerweise trifft man sich daher beim Runden der Insel. Wir haben die Runde im Uhrzeigersinn gewählt. Zum Beginn der Nacht waren wir das erste Schiff der Gruppe, die höher am Wind die Nordseite angesteuert haben.

Montag, 5.7.2010, 10 Uhr. Steuermannsbesprechung in Warnemünde. Wettfahrtleiter Uwe Wenzel macht uns Hoffnung: ?Der Wind wird zunehmen, ich erwarte die ersten Schiffe schon in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch.? Ich segle an Bord der "Uijuijui", einer 22 Jahre alten Rainbow 42. Unter dem Namen ?Roy? war das flache Boot mit dem hohen Aufbau unser Lieblingsgegner auf Elberegatten. Der neue Eigner Dr. Friedrich Hausmann hat das ohnehin schnelle Boot mit einem trendy "Fattopmain" und schlankeren Vorsegeln getunt. Ich soll mich vor allem um die Navigation kümmern, mein Debüt in dieser Funktion. Mit dabei ist daher mein MacBook mit einer zusätzlichen Windows-Installation und der Testversion der Navigations- und Yachtracing-Software "Expedition". Ein klasse Programm für Routenplanung unter Einbeziehung von Wetter- und Stromdaten. Auch die Polardaten, die optimalen Geschwindigkeiten des Bootes unter verschiedenen Windstärken und Einfallswinkeln können von der Software berücksichtigt werden.

Unter Berücksichtigung von Wetterdaten von Wetterwelt, Windfinder und Grip.US entscheiden wir uns, Hammerodde an der Nordspitze anzupeilen. So haben wir die Möglichkeit, möglichst lange im optimalen Geschwingkeitsbereich zu segeln. Zudem soll zur Rückwegszeit auf der schwedischen Seite der Wind auf West drehen, und im Süden auf Nordwest bleiben, so dass man auf einen Anlieger hoffen kann. Der Strom soll auf unserer Route auch länger mitlaufen.

Es geht los. Marco macht die Taktik, ich puzzle am Bord-GPS. Traumstart in Luv unserer Gruppe. Die Kreuz auf der Warnow ist eng. Kurz vor den Leuchttürmen auf der Mole kreuzt der Volvo 60 "Illbruck" unseren Weg. Das wird knapp, aber wir verlangen kein Raum, obwohl die ?Illbruck? auf Steuerbordbug segelt, denn das 19m Schiff würde uns wenige Minuten später sowieso wieder zum Wenden zwingen. Der Maxi hat an der Mole nicht genug Tiefe. Doch dann wendet das blaue Monster genau vor unserem Bug, Friedrich kann gerade noch eine Kollision durch starkes Anluven verhindern. "Protest! Kringeln." - Wir sind sauer, die fahren einfach weiter. Wir setzen die Protestflagge, trotzdem keine Reaktion. Wir wollen protestieren. Kurz nach der Mole legen wir um, unter der Küste sollte der Seewind kräftiger sein.

Bei immer weiter abflauendem Wind kreuzen wir unter Land Richtung Nordosten. Querab Wustrow schleichen wir unter der Küste mit den letzten Resten des Windes voran. Nur der Volvo 60 "Illbruck", die Andrews 56 "Norddeutsche Vermögen" die RP56 "Scho-Ka-Kola" haben uns bisher überholt, aber treiben vor uns im Öl. Was wird nun passieren? Kommt der angesagte Westwind vielleicht früher? Ich beobachte die Kimm achteraus - und stutze: Am Horizont steht ein Spi, die Horizontlinie sieht dunkler aus. Wind! Wir wenden, und schleichen langsam Richtung See, nordwestwärts. Wir segeln sehr konzentriert. Jeder Meter Richtung Wind wird jetzt mit vielen Metern Richtung Ziel belohnt werden. Ca. 15 Minuten später wird es klar sichtbar, erste Windstriche lassen das glatte Wasser kräuseln, weitere Spi´s und Gennaker gehen auf unseren Verfolgern nach oben. Nun wenden auch die ersten Schiffe in Lee.

Als der Wind uns erreicht, setzen wir die Code 0. An der Kante des Windfeldes laufen wir auf See hinaus, höher als notwendig, denn in Lee will sich der Wind nicht recht durchsetzen. Immer wieder luven wir an, und überholen sogar die 3 großen Yachten in Lee, die nicht rechtzeitig Strecke auf See hinaus gemacht haben. Der Wind ist löchrig, und verpufft in Lee, so als würde ein Landwind gegen den Nordwest drücken.

Wir entscheiden, Höhe zu gewinnen, und lieber später unter Spi auf Bornholm abzufallen. Das Risiko eines Flautenlochs erscheint uns zu groß. Tatsächlich erwischt es die "Illbruck" Höhe Hiddensee in Lee, sie bleibt im Öl liegen, wir rauschen gut 2 Meilen in Luv mit 8-10 Knoten Speed vorbei, verfolgt von der "Black Jack", einer Swan 60.

Kontinuierlich wird der Wind stärker und raumt. Wir setzen den schweren Spi, und pflügen mit bis zu 14 Knoten durch die Ostsee. Es wird dunkel, die rauschende Heckwelle glitzert im Mondlicht. Ich steuere ein paar Stunden, und beim ersten Licht lege ich mich schlafen. Als ich wache werde, haben wir bereits Hammerodde passiert und fahren fast platt an der Nord-Ostküste Bornholms nach Süden. Sandvik, Gudjehm, Svanecke, bei den Namen denke ich an Sommerurlaub, Räucherfisch und frische Brötchen. Hier ist es nass, es regnet, und der Magen knurrt. Ich erinnere mich an die leckeren Käsebrote, die Markus gestern geschmiert hatte, und verziehe mich nach unten. 2 Brottüten und viele Scheiben Käse weiter sieht die Welt wieder freundlicher aus. Auch der Regen hat aufgehört. Zu unserer Freude passieren weit draußen die Norddeutsche Vermögen und die X 612 Solair. Die sind spät dran, wir haben schon mehr als die Hälfte der Strecke hinter uns. Im Schutze der Ostküste kommen uns weitere, kleinere Yachten entgegen, die Faurby 424 "Schlawutzi", die X119 "Temptation", und einige andere.

Hinter Dueodde beginnt die Kreuz und wir verlassen die Landabdeckung Bornholms. Bei 14-16 Knoten Wind rumsen wir uns gen Nordwesten. Das wird ein langer Tag. Bornholm scheint einfach nicht kleiner zu werden, obwohl wir mit 7-8 Knoten und ca. 0,5 Knoten schiebenden Strom schnell voran kommen. Nach 3 Stunden wechseln wir auf die Genua 4, es hat konstant auf 20 Knoten Wind aufgefrischt und 10 Grad schlechter gedreht. Mittags dreht der Wind weiter nach West, wir müssen maximal hoch an den Wind und werden langsamer. Von hinten kommt die Swan 60 "Black Jack" auf und passiert uns 15 Uhr 30 einige Meilen vor dem Königsstuhl/Insel Rügen in Lee. Die müssen wir in der Nacht überholt haben. Der Wind wird weniger, wir wechseln auf die Genua 1. Dabei rutscht das Tuff-Luff ab, der Segelwechsel wird zur Qual und kostet mächtig Meter.

Die "Black Jack macht einen tiefen Schlag in die Bucht ?Tromper Wiek?, wir bekommen unter einem Wolkenband einen Dreher und können fast Kap Arkona anhalten. Damit fällt der Wellenschutz aus, und später die serbische Dosensuppe vom Herd. Das sieht lecker aus, wie schon mal gegessen. Trotzdem schmeckt der Rest der heißen Suppe wie ein Gourmet-Menue. In Lee wandert die ?Black Jack? aus, doch unsere Freude währt nur kurz, denn die Swan bekommt unter Land auf Steuerbordbug einen mächtigen Zieher. 1:1 - an Kap Arkone ist sie wieder vor uns. Wir kreuzen mit den Drehern an der Küste entlang. Bis Darßer Ort nehme ich eine Mütze Schlaf, gute 2 Stunden.

Mitternacht. In Lee blinkt der Leuchtturm am wieder geöffneten Nothafen Darßer Ort. Wir fallen ab und rauschen endlich wieder mit über 9 Knoten gen Warnemünde. Noch 30 Meilen. 10 Meilen vor Warnemünde raumt es weiter und flaut auf 12 Knoten Wind ab, wir setzen den Code 0 und beschleunigen teilweise auf über 10 Knoten, obwohl sich die Schot im Selftailer verfangen hat und wir mit einem ständig einfallenden Segel kämpfen. Knapp können wir die Mole anliegen und biegen in den Hafen ab. Um 3:28 passieren wir die Ziellinie. Wir freuen uns riesig, es ist geschafft.

In der Kajüte ist ALLES nass: Schlafsäcke, Polster, Karten, ... So ist an Schlaf im Boot nicht zu denken. Wir klaren etwas auf, Florian holt an der Tanke Bier und Brötchen und erlebt echte Servicequlität: "14 Brötchen? Dann muss ich ja alles neu schmieren." 7 Brötchen bringt er mit, aber dafür einen ganzen Kasten Bier. In der aufgehenden Sonne entspannen wir und legen uns dann an Deck zum Schlafen. Zwischendurch wache ich kurz auf und blicke in fragende Gesichter von dicklichen Kurgästen auf der Kaimauer über uns. Egal. Ich schlafe weiter.

Zum Aufwachen gibt es gute Nachrichten: In unserer Gruppe sind wir Erste. Obwohl wir den Protest gegen die "Illbruck" verschlafen haben.