Bella Italia - Eine italienische Diva angelt 6 norddeutsche Fischköpfe.

Wir sind den schönen Kurven einer ASSO verfallen, die sich in den Norden verirrt hatte. Wir ? das sind Dagmar, Jens, Martin, Thorsten, Till, und ich, Hans. Nach einigen Regatten bei wenig Wind wollen wir nun unsere Dame in den warmen Süden ausführen. Bella Italia - Wir kommen! Donnerstag abends machen wir uns auf den Weg, um am Freitag noch eine Runde segeln zu können. 1200 Km liegen vor uns.


Bogliaco ist schön, erínnere ich mich. Aber das der Weg von Riva dahin so eng ist, hatte ich vergessen. Mehrfach tasten wir uns im Schrittempo mit Warnblinder durch die Tunnel. Endlich angekommen klebt etwas blauer Lack an der Scheuerleiste. Da war wohl ein Schild zu gross.


Ahh - endlich angekommen. Als wir unsere unterkühlte Volks-Konservendose verlassen, empfängt uns italienische Mittagshitze. Wir reißen uns die Klamotten vom Leib ? Italien, wir sind da!!!!


Wortreich und wild gestikulierend empfängt uns der Hafenmeister, anscheinend hat es es eilig. Der Hafen sieht nicht so aus, als gäbe es da noch Liegeplätze. Jedenfalls nach norddeutscher Auffassung. Daggi übersetzt in etwa so: Schnell kranen sollen wir, denn es ist jetzt noch so viel Platz im Hafen. 


Viel Platz? 6 Stunden später verstehen wir, was er meint. 


Das Kranen geht schnell. Im Norden werden wir immer gefragt, ob unser Trailer kaputt ist, das Boot läge so schief. Hier wird die Asso angehängt und ins Wasser geworfen. In 5 Minuten oder weniger.


Ein herrlicher Tag, wir bauen das Boot auf, essen Pasta am Hafen, und starten spätmittags zu unserer ersten und letzten Trainingsrunde vor der Gorla. Als wir in den Hafen zurückkommen, ist er voll. Richtig voll. So voll, dass man ? ohne einen größeren Schritt zu machen ? von einem Ufer zum nächsten kommt. Wir packen uns einfach vorne mit drauf und verstricken uns mit Fendern und Leinen ebenso kunstvoll wie die anderen. Kätpt´n Prüsse von der Segelschule an der Alster hätte schlaflose Nächte, würde er das sehen.


Als wir uns am nächsten Morgen dem Hafen nähern, ist dieser schon aus einer Meile akustisch zu orten. Wir haben die Italiener wohl unterschätzt. Von wegen Laissez-faire. Unser Boot hängt schon an der Vorleine am äussersten Ende der Mole. Liberas, Assos, Joker, Dolphins, und jede Menge sensibler, leichter Boote wühlen sich aus dem Hafen heraus. Mit ohrenbetäubendem Geschrei, aber ohne nennenswerte Karambolagen. Kein Wind: alle wriggen, schaukeln und fluchen.


Der Torstart ist ein Erlebnis für Sich. 4 Bereiche, in denen sich die Boote nach Geschwindigkeit vorgeordnet tummeln. Wir stechen wagemutig mit Speed in einen Pulk Italiener und luven Sie hoch. Geschrei, Gestikulieren, Luvboote nehmen Geschwindkeit auf, in Leeboote ebenfalls auch, die begrenzenden Startschiffe sind nicht zu sehen. Die Italiener werden wissen, was Sie tun. Irgendwann sehen wir das Torstartboot, das mit schäumender Bugwelle die Startline markiert. Leider hinter uns.


Wir drehen um und starten neu. Merkwürdigerweise als einzige. Der Wind wird mehr. Wir holen auf. Wow - das erste Mal unter Unseresgleichen. Jede Asso, die unser Heck passiert, begrüßen wir mit Gebrüll. Unsere Manöver sind katastrophal, unsere Speed genial. So passieren uns mache Boote bis zu 4 mal, was unsere Konkurrenten zu mindestens ebenso lautstarken Kommentaren veranlasst. Viel Freude haben wir mit den stimmtgewaltigen Ungarn. Bei denen pulst noch Hunnenblut durch die Adern.


Ca. 50 Wenden haben wir viel gelernt: Wir wissen, wie der vordere Trapezmann am Mast vorbei kommt, ohne von der Genua nach Lee geworfen zu werden. Dass eine Asso mit 60 Grad Krängung einfach quertreibt, wenn der Steuermann rasant abfällt, die Genua dabei sauber dichtkommt, die Mannschaft aber dann auf dem Weg nach Luv den Mount Everest erklimmen muss. Dass sich ein Überläufer nicht herauskurbeln lässt. Dass man im Trapez bis zum Bug laufen kann, wenn der Bremser hinten das Boot in eine hohe Welle knallen lässt. Unglaublich, was man nach so kurzer Zeit alles wissen kann.


Pünktlich vor Torbole wird der Wind flau. Den rasanten Spikurs zurück können wir vergessen. Jetzt merken wir, dass wir eine feine, sensible italienische Diva segeln. Die harmoniert noch nicht so gut mit den grobgeschlachten Wikingern. Jedenfalls fahren uns rechts uns links grinsend die ? bereits überholt geglaubten ? Südländer um die Ohren. Wir üben uns in den leisen Klängen des Feintrimms, unsere Süsse belohnt das mit zufriedenem Schnurren. Wir verlieren weniger, sind aber heilfroh, als der Wind wieder etwas aufrischt.


Nach gut 9 Stunden Kreuzen ? den See hoch und runter, quer und über Schleichwege am Ufer ? sind wir im Ziel. Immerhin kommen noch ein paar ASSOs nach uns. Disqualifiziert wegen Frühstart wurde aber auch keiner. Eigentlich hatten wir uns einen besseren Platz erhofft, aber Unzufriedenheit hat bei einem so herrlichen Abend am See mit gutem Essen und einem grandiosen Blick keine Chance. Mann, was kann das Leben schön sein. Und die brüllenden Südländer entpuppen sich als freundliche und hilfsbereite Gesprächspartner. Wir lernen viel und wollen am nächsten Tag ordentlich am Boot basteln und üben gehen.


Am Montag beim Crewwiegen haben alle viel Spaß. Denn erst in Unterhose und nach ausgiebigem Toilettenbesuch kommen wir auf das zulässige Höchstgewicht. Kein Wunder, dass wir bei Wind gut unterwegs waren.