Große Kapitäne auf kleinem Schiff.

"Technische Probleme! Wir drehen um. Elise, bitte kommen. Mastbruch." Zum Heulen des Wind und krachen der Wellen gelangen einige Wortfetzen aus dem UKW-Gerät ins Cockpit. Das Speedo zeigt ständig über 10 Knoten an. Windanzeige haben wir nicht. Wir fünf sitzen nur 60cm über der Wasseroberfläche und haben alle Hände voll zu tun.

Es ist die 27. Schiffahrtsregatta, Peter Gast hat geladen und auch die "kleine" Dynamik 35 gechartert. Am Abend vor dem Start ist Kappeln in fester Hand der Gast-Flotte. Zerbrechlich sieht unser schlankes Boot zwischen den hunderten großer Yachten aus. 
Drei noch bis vor kurzem unbekannte Gäste fahren mit. Es war gar nicht so einfach, die vor der Regatta einzusammeln. Bei 1500 Teilnehmern findet so mancher sein Schiff erst in letzter Minute. Zwei unserer neuen Crewmitglieder lernen wir schon abends auf der Willkommensfeier kennen. René findet uns erst morgens um kurz vor sieben. Noch ist etwas Zeit für eine Lagebesprechung. Die drei Neuen sehen so aus, als wollten sie kämpfen. Wir stimmen uns ab: "Wollen wir Regattasegeln oder eine nette Tour machen?" Später lernen wir uns besser kennen: John ist Testkapitän und macht mit neuen Schiffen Erprobungsfahrten. René kümmert sich um große Baggerschiffe, und machmal hängt da sogar eine Bombe im Sauggitter. Michael ist erster Ansprechpartner, wenn´s Problem auf Containerschiffen einer großen Reederei gibt. Alle müssen im Job schnell Lösungen finden und sollten gute Nerven haben.

Die brauchen sie auch. Das, was als nette Ausfahrt mit Gästen angekündigt war, artet in richtige Arbeit aus. 6 Uhr aufstehen, 7 Uhr auslaufen zur Parade. Der in den ersten Morgenstunden so flaue Wind entwickelt sich bald zu einem regelrechten Kuhsturm. Doch Crew und Boot schlagen sich wacker. Nach dem Start finden wir einen kurzen Weg durch das Feld zur ersten Tonne, danach geht der Gennaker hoch. Am Horizont wird es wieder dunkel, trotz der frühen Stunde. Die aufkommende Wolke schluckt die Sonne und wandelt deren Licht in Energie um. In Windenergie. Noch unter Gennaker reffen wir ein. Gleich das 2. Reff. Die Wolke erwischt uns auf einem spitzen Halbwindkurs. Um uns herum hat keiner gerefft. Unser Glück. Wir fahren viel größeren Schiffen davon, selbst die mit viel Vorschusslorbeeren bedachte Finnflyer lassen wir mit unserer 20 Jahre alten Konstruktion hinter uns. Da hilft denen kein Carbonmast und keine Kevlarsegel.

Die Stimmung steigt, trotz Dauerdusche von oben und von unten. Plötzlich verabschiedet sich der Baumniederholer. Den hatten wir kurz vor dem Start notdürftig repariert, der Bolzen des Rutschers unter dem Großbaum hatte sich schon während der Überführung von Kiel nach Kappeln verbogen. Der extreme Twist im Großsegel beschleunigt uns aber eher noch, so können wir in Ruhe ein neues Provisorium basteln. Wobei "in Ruhe" nicht ganz der richtige Ausdruck ist, bei konstant über 10 Knoten Speed. "Wie ist die Stimmung?" - "Super." - "So schnell war ich noch nie auf 35 Fuss". Schifffahrtsleute sind anscheinend wirklich hart im Nehmen.

Die Wortfetzen aus dem UKW entnehmen wir, dass unsere Probleme eher klein sind. Seit dem Start sind 2 Masten von oben gekommen, und ein weiteres Boot hat sich abgemeldet. Die weißen Segel vor dem schwarzen Himmel sehen eindrucksvoll aus. Auf dem Vorwindkurs zur Nordspitze von Aerøsköbing setzen nur wenige den Spi oder Gennaker. Mehrere große Tücher segeln davon - allein, ohne Boot. Wir selbst erreichen nur unter Groß und Genua 3 über 14 Knoten. Allerdings ist an der nächsten Tonne Ivana S, unser vermutlich ärgster Konkurrent, dank Spi direkt hinter uns. Wir geben jetzt alles, aktivieren die letzten Reserven. Wir müssen schneller als die über 1 Meter längere Swan sein. Geballte technische Schifffahrtskompetenz prügelt die Dynamik über das Wasser. Jede Böe wird über die Großschot mitgefahren. In den Wind-Löchern trimmen wir die Segel sofort voller. Ivana S bleibt zurück. "Inshallaha" und "Ownership", 2 viel größere Rennziegen, kommen kaum an uns vorbei.

Im Hafen sind wir eines der ersten und innersten Boote im Päckchen. Und das nasseste und kleinste. Zum Ärger der Landgänger, die auf das flache Boot tief hinab und auf der anderen Seite wieder hinaufsteigen müssen. Dumme Kommentare regnen auf uns herab. Unsere grinsende Antwort: "Segeln lesen hilft schneller segeln und früher im Hafen sein."

Ab 17 Uhr verwandeln sich die windzerzausten, salzverkrusteten Segler nach und nach in smarte Geschäftsleute. Eine Armee in blauer Club-Garderobe sammelt sich am Festzelt. Wir sind dabei, selbstverständlich in blau. Traditionell gab es früher einen Marsch zur Turnhalle. Da die Teilnehmerzahlen längst die Kapazität der Turnhalle sprengen, ist der Marsch einem Rundgang durch Ärøsköping gewichen. Die Einwohner stehen in den Türen und grüßen freundlich, als die hungrigen Hundertschaften an Ihnen vorbeiziehen. Trotzdem ein komisches Gefühl, so begutachtet zu werden.

Nach zwei oder drei Schauern erreichen wir das Festzelt und finden unseren Tisch. Zu Fisch und Braten gibt es Reden und Reden und Reden. Die Schiffahrtsregatta ist eben eine Privatveranstaltung mit einem ganz eigenen Charme und wird nur mit ?efef? geschieben. Endlich beginnt die Preisverleihung. Wir sind 3. in unserer Gruppe und 7. von 52. gesamt nach ORC-Wertung. Stolz nimmt unser Skipper den Preis entgegen. Und dann steigt eine richtige Party... . Am nächsten Morgen sind wir uns einig: Die Schiffahrtsregatta ist eine echt gute Idee von Gast Shipping.

Bu: Die Schiffahrtsregatta ist die größte Privatregatta der Welt und hat bereits 27mal stattgefunden.