Der Weg ist das Ziel

Feine Gischt weht immer wieder über die Bugspitze, die Logge geht nicht unter 7 Knoten, frischer Wind bringt Kühlung, kann es ein schöneres Segeln geben? Am Himmel keine Wolke, Schleimünde, Kalkgrund, Lysabildskov rauschen vorbei, der Blick voraus ... verheißt nichts Gutes. Wieso ist da das Wasser so glatt?

10 Minuten später flappen die Segel kraftlos, die Sonne brennt, und die Stimmung? Bleibt gut. Während um uns herum die Segler einer nach dem anderen den Motor anwerfen, stimmen wir ab: Motor und laut oder Segeln und leise? Wir segeln, trimmen um und genießen das Leben auf der stillen Ostsee.

Am Horizont verschwinden die Motorsegler ? was für eine Oase der Ruhe.

Alles Einstellungssache ...
Und zwar nicht nur am Boot: Segel bei Leichtwind macht Spaß ? wenn man will, auch der ganzen Familie. Warum wollen müssen Sie so schnell im Hafen sein? Ein Leichtwindtag auf See ist so toll und voller Erlebnisse: Man kann Spielen, Kochen, Essen, Schwimmen, Ausruhen, Sonnenbaden, Angeln, .... und segeln!

Meistens ist das Wetter bei Flaute schön, es ist leise, und die See ist glatt. Die idealen Vorrausetzungen, sich zu entspannen und zu erholen. Kein Grund, in den nächsten Hafen hetzten, und auf Wind hoffen.
Nutzen Sie die Zeit und die Ruhe. Ihre Kinder können endlich auch einmal an den Schoten spielen. Übrigens: Bei unter 2 Knoten Geschwindigkeit kann man hervorragend angeln. Was schmeckt besser als ein Fisch, der frisch nach dem Fang zubereitet wird? Warum muss man Arbeiten am Boot immer im Hafen machen? Mit der Familie wird das Deckwaschen auf See schnell zur lustigen Wasserschlacht, ohne dass Sie genervte Nachbarn im überfüllten Hafen haben. Ungestört der Sonne liegen und lesen, wo können Sie das besser als auf See?
Und Segeln bei Leichtwind ist anspruchsvoll, ist interessant, vorausgesetzt, man versteht, was am Boot und in der Umgebung passiert.

Und selbst wenn Sie in die Nacht hinein segeln, bei Leichtwind macht das Spaß und übt die Sinne. Ihre Crew und Sie sammeln entspannt Erfahrungen, die bei mehr Wind wertvoll sein können. Und wie romantisch ist die Abenddämmerung auf See, idealerweise bei einem Glas gutem Rotwein? Selbst die Mücken stören nicht ? sie sind nicht da. Also ? was zwingt Sie im Urlaub, schon um 16Uhr im Hafen zu sein? Nach einem tollen Tag wird der Innenliegeplatz am Steg zur Nebensache. 

Doch mit vielen Schiffen kommt man bei Leichtwind unter Segeln nicht voran. Das muss nicht sein: Hier bekommen Sie die wichtigsten Tips, die Tricks, die am meisten Wirkung zeigen. Tricks, deren Ziel es nicht ist, beim Tourensegeln den letzten hundertstel Knoten rausholen. Es geht um gutes Vorankommen und vor allem um Spaß. Und der wird deutlich erhöht, wenn Sie die wesentlichen Erfolgsfaktoren aus dem Regattasport spielerisch umsetzen. Am besten mit der ganzen Familie.
 
Frachtsegler oder Yachtsegler ? Ihre Entscheidung!
Ein leichteres Schiff segelt besser. Jeder Regattasegler spart Gewicht, wo er kann. Dennoch hält sich die These tapfer, dass ein schweres Schiff sich besser durch die Windlöcher schiebt ? wenn es erst einmal im Gang ist. Stimmt, mehr Masse braucht mehr Energie, um gebremst zu werden. Aber um es in Gang zu bekommen und zu halten, müssen Sie sehr, sehr konzentriert steuern. Und brauchen auch mehr Energie, sprich Wind.
Und je schwerer das Boot ist, desto größer wird die Fläche im Wasser. Und Wasser bremst viel mehr als Luft. Also Ballast von Bord! Manch einer fährt so verproviantiert in den Urlaub, dass man meinen könnte, woanders gibt es nichts zu essen und zu trinken. Wenn man den Treibstoffbedarf bedenkt, der notwendig ist, dieses Gewicht zu bewegen, dann kann man dafür sicher oft ?teuer? im Ausland einkaufen oder Essen gehen. Und wie spannend ist der Einkauf im schwedischen Supermarkt, wenn sie mit Ihren Kindern die Dinge kaufen, die Sie noch nicht kennen? Und schon haben Sie eine neue Aufgabe für die nächste Flaute: Essen. 
Wann haben Sie das letzte Mal das Boot entrümpelt? Segler, die einmal im Jahr ihr ganzes Boot leer räumen, finden lang vermisste Dinge wieder. Und sparen dabei mehr Gewicht, als durch die Anschaffung eines teuren Kohlefaserriggs. Überlegen Sie bei jedem Gegenstand, ob Sie diesen brauchen. Denn Ordnung an Bord nimmt zu, Sie sparen Zeit beim Räumen, Ihr Rigg und die Segel werden weniger belastet (und halten länger), und Sie werden: SCHNELLER.

Let´s Twist again ? der Tanz mit dem Wind
Vor vielen Jahren waren wir auf einer Regatta in Bayern unterwegs. Nach 2 Tagen wenig Wind und Misserfolgen schlug ich dem Lokalmatador vor, dieses elende Loch zuzuschütten und dort teure Grundstücke an die Münchener Schickeria zu verkaufen. Der darauf folgende Vortrag über die Unfähigkeit norddeutscher Segler, die Zeit beim Segeln zum Denken zu nutzen, trug wesentlich zum meinem Entschluss bei, sich mit den Leichtwind-Bedingungen intensiver auseinander zu setzen.

Eine spannende Erkenntnis: Es gibt zwei sehr unterschiedliche Arten leichter Winde: Der laminare Wind, der immer stärker wird, je höher man misst. Den nennen wir hier Leichtwind. Der wird irgendwann zur turbulenten Brise, die auf fast jeder Höhe, in die unser Segel kommt, gleich stark ist. 
Dabei gibt es eine schlechte Nachricht: der Punkt, an dem der Wind sich von Laichtwind auf Brise und zurück ändert, wird von sehr vielen Faktoren beeinflusst: Wassertemperatur, Lufttemperatur, Wellenhöhe, dazu ist zu beachten, ob der Wind von Land oder See kommt, wie die Wetterlage ist und auch nicht die geografischen Besonderheiten vergessen. Eine genaue Betrachtung sprengt diesen Rahmen. 
Die gute Nachricht ist, man muss gar nicht unbedingt wissen, warum das passiert. Man muss nur wissen, dass es diese 2 Windarten gibt, und merken, wann welcher Wind weht. Denn für die beiden Windarten muss man völlig unterschiedlich Trimmen: Beim Leichtwind fällt der Wind über Deck viel spitzer ein als oben in der Mastspitze.

Voraussetzung dafür, die Segel richtig trimmen zu können, sind einfache Indikatoren für die Windströmung ? die Windfäden. Es kann gar nicht zuviele Windfäden im Segel geben, nur zu wenige. Im Großsegel sollten über die ganze Höhe vertikal gleichmäßig verteilt mindestens 5 Fäden angebracht werden. In der Fock ebenfalls 3-5, dazu 3-5 Fäden ca. 15-30 cm hinter dem Vorliek.
Mit den vorderen Fäden können Sie sehen, ob das Segel richtig angeströmt wird. An den hinteren Fäden sehen Sie, ob die Windströmung am Segel abgerissen ist. Fäden dazwischen geben Ihnen Sicherheit und sehen wichtig aus. Achtung: befestigen Sie die Fäden nicht zu dicht am Vorliek oder direkt hinter dem Mast. Hinter jedem Vorliek und Mast gibt es eine Zone mit gestörtem Wind, die Größe der Zone ist abhängig von der Dicke des störenden Lieks, Profilvorstag oder Mastes. Befindet sich der Windbändel in der Zone mit turbulentem Wind, ist er praktisch wertlos, bzw. sogar irreführend. Ein Anhaltswert: Bei einem 10m Boot sollte der erste Windindikator gute 30cm hinter dem Vorliek angebracht werden. 

Leichtwind ? laminarer Oberflächenwind
Um der ? abhängig von der Höhe ? sich ändernden Geschwindigkeit und Einfallswinkel des Leichtwindes Rechenschaft zu tragen, müssen die Segel sehr stark twisten. Wie stark, erkennen Sie an den Windfäden: Die sollten alle sauber nach hinten auswehen ? in beiden Segeln.
Einstellung an der Kreuz: Nehmen Sie das Großsegel und Vorsegel so dicht wie bei Mittelwind. Steuern Sie so, dass die Windfäden im Vorliek des Vorsegels alle sauber nach hinten auswehen. Bei Leichtwind wird jetzt einer oder mehrere der Windfäden im Achterliek des Vorsegels nach vorne klappen. Nun verstellen Sie den Vorsegel-Holepunkt weiter nach achtern, um das Achterliek oben zu öffnen, solange, bis alle Windfäden auch im Achterliek auswehen. Den Traveller des Großsegels ziehen Sie so weit nach Luv, bis der unterste Windfaden ab und zu nach vorne klappt, bzw. nicht mehr ausweht. Der Großbaum kann dabei bis zu 5 Grad nach Luv stehen. Jetzt fieren Sie die Großschot so weit, bis der oberste Windfaden gerade so ausweht. 
Je weiter Sie Abfallen, desto weniger Twist im Segel nötigen Sie: Der Unterschied im Winkel von Fahrtrichtung zur Windrichtung wird immer mehr geringer, je raumer Sie fahren. Daher wird der Unterschied des Einfallswinkels des scheinbaren Wind über die Masthöhe auch immer geringer. (Abb. Vektoren Raumschots) Hört sich kompliziert an, ist aber einfach: Beobachten Sie die Windfäden, und stellen Sie Ihr Segel so ein, dass alle Fäden auswehen.

Brise ? turbulenter Oberflächenwind
Wenn der Wind stärker wird, schlägt er um in die Brise. Es bildet sich über der Wasseroberfläche eine Turbolenzzone, auf der der Wind wie auf Kugellagern rollt. Der Wind wird ab ca. einem Meter über dem Wasser nicht mehr wesentlich stärker. Jetzt sollte man die Segel über die ganze Höhe nahezu gleich einstellen. Für das Vorsegel die Holepunkte nach vorne fahren und den Schotzug erhöhen, bis der Windfaden im Achterliek der Genua nach vorne klappt. Dann so weit fieren, dass der Faden wieder ausweht. Dann den Großschot-Traveller weiter nach Lee und den Großschotzug erhöhen, solange, bis der oberste Windfaden im  Achterliek des Großsegel manchmal nach vorne weht. Der Großbaum sollte dabei genau mittschiffs stehen.

Steuern, nicht Rudern
Bei Leichtwind möglichst viel Höhe zu fahren ist schwierig ? und langsam. Jeder Steuerfehler, jede kleine Störung im Wind oder durch Wellen wird mit Geschwindigkeitsverlust bestraft. Jedes Ruderlegen bremst das Boot ab. Dazu wirken Kiel und Ruder bei geringer Geschwindigkeit nicht so gut ? die Abdrift wird größer.
Für entspanntes und schnelles Segeln ist es sinnvoll, tiefer zu fahren, so dass der Luvfaden im Vorsegel immer nach hinten ausweht, und niemals nach oben weht. 
Eine voll getrimmte Fock erleichtert das Steuern. Dazu darf das Vorsegel-Vorliek nur so weit durchgesetzt werden, bis noch leichte Längsfalten zu sehen sind.

Der kürzeste Weg ist nicht der Schnellste
Da bei Leichtwind sich die Windgeschwindigkeit im Verhältnis zu Starkwind stärker ändert, wirkt sich ein Bereich mit mehr Wind stärker aus als die Winddreher. Die Unterschiede in der Bootsgeschwindigkeit sind ebenfalls größer. Es macht daher Sinn, auch einen Umweg zu fahren, um einen Windstrich überhaupt oder früher zu erreichen. Indikatoren für mehr Wind sind die Wellen oder dunkle Bereiche auf dem Wasser, die Krängung anderer Segelboote, Bäume, Fahnen oder aufsteigender Rauch an Land.

Große Segel ? großer Spaß
All das oben Beschriebene funktioniert an der Kreuz ganz gut, doch raumschots gewinnen Sie Speed vor allem auch durch mehr Segelfläche. Und dafür gibt es tolle Segel: Spinnaker, Gennaker, Code Zero, Blister, oder wie die alle heißen. Alle haben eines gemeinsam: Sie erhöhen die Segelfläche und damit die Antriebsleistung im Verhältnis zum Widerstand. Und wenn der Wind raumschots einfällt, kann jedes Schiff eine Menge Segelfläche mehr tragen als am Wind.
Bei wenig Wind sind die Segel problemlos zu bedienen. Durch entsprechendes Zubehör ? Bergeschlauch, Roller oder zusätzliche Bergeleinen ? bekommen Sie diese Segel auch bei mehr Wind locker in den Griff.
Ein Tip: Je weniger Wind ist, desto spitzer müssen Sie fahren, damit diese Segel ruhig stehen und Sie gut vorankommen. Es ist entspannender, wenn Sie sich das Ziel offen halten ? Sie werden mit Segelspaß entschädigt. Auf einer Überfahrt von Marstrand nach Dänemark wechselte unser Ziel mehrmals von Skagen über Laeso nach Anholt und zurück. Denn bei spiegelglatter See liefen wir 3-4 Knoten unter Spi, allerdings nur bei 100-120 Windeinfallswinkel. Höher am Wind viel der Spi ein, tiefer ebenfalls. Das Gefühl, leise gluckernd über die stille See zu ziehen, wie an einem unsichtbaren Faden gezogen, werden wir nie vergessen.

Text: Hans Genthe, erschienen im Magazin Segeln 2/2009